© Siegelgestaltung: Diplom-Designer Martin Markwort

15 Pros für die Einfache Sprache

Lesedauer 4 Minuten

Diskussionen Pro und Contra Leichte oder Einfache Sprache werden in Fachkreisen geführt. So in den beiden Xing-Gruppen für diese Sprachformen. Hier sind meine 15 Pros für die Einfache Sprache. Sie hat Werbung und ein besseres Image nötig. Leichte Sprache ist in Deutschland der vorherrschende Begriff. Er steht für Texte, die für Menschen mit Lernschwierigkeiten/geistiger Behinderung verfasst werden. In jüngster Zeit ist Kritik an der Leichten Sprache aufgekommen.

Ich teile die Kritik an der Leichten Sprache. Rückenwind für die Einfache Sprache kommt auf internationaler Ebene: Die internationale Organisation für Standardisierung, besser bekannt als ISO, will 2021 eine Norm für Plain Language (Einfache Sprache) verabschieden. Die ISO 24495-1 fließt in eine geplante DIN Einfache Sprache ein.

Uwe Roth ist Mitglied im Verein Deutsches Institut für Normung (DIN). Dort entstehen zwei Regelwerke: Eine DIN Spec 33429 Leichte Sprache sowie eine DIN 8581 Einfache Sprache. Uwe Roth arbeitet an beiden Regelwerken intensiv mit. Zusätzlich entsteht auf internationaler Ebene eine ISO 24495 Plain Language (Einfache Sprache). Diese wird in einer DIN umgesetzt. Zu meinem Blog.

Texte in Einfacher Sprache sind keine Übersetzungen wie die in Leichter Sprache

Was aber gar nicht geht: Wenn Übersetzer*innen, die bisher die Leichte Sprache als Dienstleistung angeboten haben, nun plötzlich diese um die Einfache Sprache erweitern. Nur weil absehbar ist, dass sich mit Einfacher Sprache neue Märkte erschließen lassen.

Texte in Einfacher Sprache sind nicht das Ergebnis von Übersetzungen. Dienstleistende im Bereich der Einfachen Sprache sind Autor*innen, Textende mit Talent fürs Schreiben. Gute Texte in Einfacher Sprache entstehen nur mit Kreativität.

Lesen Sie auch mein Angebot Workshops für die öffentliche Verwaltung

Pros der Einfachen Sprache ergeben sich aus den Mängeln der Leichten Sprache

Leichte Sprache gehört modernisiert. Sie steckt in einem Dilemma, das sich meiner Überzeugung nach nicht auflösen lässt:

  • Die Sätze dürfen nicht mehr als zehn (kurze) Wörter haben. Nebensätze sind ausgeschlossen.

Die Zielgruppe nimmt solche langen Texte nicht auf. Dafür fehlt das Vermögen zum Durchhalten. Wäre dieses beim Personenkreis vorhanden, bräuchte man die Leichte Sprache nicht.

Siehe auch Leichte Sprache: kurzer Satz, langer Text – das passt nicht zusammen; Leichte Sprache in der Kritik; Passt Leichte Sprache in eine deutsche Norm? Ein Versuch läuft

Meinungsfreiheit für alle Menschen: Zugang zu Informationen in Leichter Sprache?

In Deutschland leitet sich der Anspruch auf Leichte Sprache aus der UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen ab. Sie garantiert die Meinungsfreiheit und das Recht auf Zugang zu Informationen auch Menschen mit Lernschwierigkeiten/geistiger Behinderung.

Leichte Sprache deckt wegen ihrer spartanischen Ausstattung an Ausdrucksmöglichkeiten das Grundrecht auf eine allumfassende Information für eine Meinungsbildung unzureichend ab. In der Konvention taucht der Begriff Leichte Sprache nicht auf.

Ich kenne Menschen mit Lernschwierigkeiten, die Teil der Gesellschaft sein wollen. Sie sind sogar Mitglied einer politischen Partei. Ihnen bringt die Leichte Sprache nichts. Schwere Sprache aber überfordert sie.

Informationen in Einfacher Sprache für alle Bürger

Einfache Sprache hat hingegen den Anspruch, eine Sprachform für alle zu sein. Einfach Sprache hat in Deutschland ein Imageproblem („Blödsprache“). Doch das ändert sich langsam. Daran arbeite ich mit. In englischsprachigen Ländern verbreitet sich der Begriff Plain Language. In den USA gibt es dazu eine Verordnung, die Bundesbehörden verpflichtet, alle Bürger in Einfacher Sprache (Plain Language) zu informieren.

In Deutschland beschränkt sich diese gesetzliche Vorgabe (Gesetz des Bundes zur Teilhabe behinderter Menschen) auf die Kommunikation mit Menschen mit Behinderung. Der Anspruch sollte auf alle Menschen ausgeweitet werden. Das könnte so kommen, seit die ISO und der DIN-Verein Standards vorbereiten. Gäbe es diese Norm-Vorschrift für Verständlichkeit bereits, wären die offiziellen Informationen zu den Corona-Bestimmungen näher an der Einfachen Sprache.

Lesen Sie auch mein Angebot Workshops zum Thema Fachsprache

15 Argumente für eine allgemein verständliche Sprache

1. Statt Leichte und Einfache Sprache in Zielgruppen zu unterteilen, muss es eine verbindliche Sprachform für alle geben.

2. Die Sprachform Einfache Sprache ist so flexibel und individuell anzuwenden, dass sie jeder Zielgruppe gerecht werden kann. Nichts hindert einen daran, einen Text so zu schreiben, dass er dem Sprachniveau A1 entspricht. Man kann das Ergebnis trotzdem Einfache Sprache nennen.

3. Einfache Sprache in guter Qualität gelingt mit dem Grundsatz, Schreiben mit einem konzentrierten Blick auf die Zielgruppe.

4. Ich bin mit Professor Andreas Baumert darüber einig, dass dafür Einfache Sprache der geeignete Begriff ist – und nicht Leichte Sprache. Die DIN Spec Leichte Sprache, für die im Jahr 2020/2021 eine Empfehlung in Vorbereitung ist, deckt nur eine kleine Nische ab.

5. Einfache Sprache zeichnet sich durch ihre Flexibilität aus (siehe Pro-Argument 2), weil sie nicht an ein strenges Regelwerk gebunden ist.

6. Sie bietet die Freiheit, Texte so zu vereinfachen, dass Menschen mit nur geringer Lesekompetenz damit zurechtkommen. Das wird mit Blick in die Zukunft notwendiger denn je: Menschen verlieren die Lust am Lesen und Schreibung, da künstliche Intelligenz ihnen dies abnimmt.

7. Das bedeutet: Wegen der Flexibilität der Einfachen Sprache verschwindet das Niveau der Leichten Sprache nicht – nur das Label.

8. Bei der Einfachen Sprechen stehen nicht mehr ein Regelwerk, ein Logo oder das Prinzip des Gegenlesens im Mittelpunkt. Die Lesekompetenz der Zielgruppe steht im Zentrum.

9. Einfache Sprache bietet ebenso die Freiheit, Behördensprache soweit „zu entschärfen“, dass Juristen damit leben können. Leichte Sprache hat dagegen keine Chance auf das Sigel „rechtssicher“.

Lesen Sie auch Einfache Sprache als Brücke zwischen Gruppensprachen

10. Die Bedeutung der Einfachen Sprache wird zunehmen (siehe Pro-Argument 6). Bleibt die Leichte Sprache davon unberührt in ihrer Nische, bedeutet dies die Ausgrenzung der Menschen, für die solche Informationen geschrieben werden. Deswegen sollte die Leichte Sprache in der Einfachen Sprache aufgehen.

11. Damit werden Menschen mit Lernschwierigkeiten/geistiger Behinderung/psychischen Problemen und Demenz eine von vielen Zielgruppen der Einfachen Sprache. Das ist ein Schritt zur Inklusion.

12. Mit der Bündelung zur Einfachen Sprache werden neue Auftraggeber für die Produktion von Inhalten angesprochen. Bislang finanzieren überwiegend Einrichtungsträger, die öffentliche Hand oder Aktion Mensch Materialien in Leichter Sprache.

13. Mit dem Label „Einfache Sprache“ können Unternehmen als Auftraggeber angesprochen werden. Verständliche Informationen sind notwendig für die interne Kommunikation oder für die mit Kunden. Je mehr verstanden wird und je weniger Rückfragen kommen, umso mehr spart das Unternehmen Geld.

14. Vom freien Wettbewerb kann die Zielgruppe profitieren, die für Informationen kein Geld hat. Denn am Ende ist mit zahlungskräftigen Kunden eine Mischkalkulation möglich.

15. Der Gesetzgeber ist aufgerufen, eine ähnliche Vorschrift wie die US-Regierung auf den Weg zu bringen (Plain Wirting Act). Auch die Bundesländer und die Kommunen sollten daran gebunden sein. Das Behindertengleichstellungsgesetz, das für die Bundesverwaltung gilt, hat aber gezeigt, dass eine freiwillige Umsetzung zäh bis ausbleibend ist. Die Verbindlichkeit muss mit Möglichkeiten zu Sanktionen untermauert werden.


Beitrag veröffentlicht

in

, ,

von

Schlagwörter:

Kommentare

2 Antworten zu „15 Pros für die Einfache Sprache“

  1. Avatar von Andrea Battke

    Lieber Herr Roth,
    sie sprechen mit aus dem Herzen.
    Ich stoße immer noch häufig auf Ablehung bei Menschen, die bereits mit der Leichten Sprache in Berührung gekommen sind, aber keinen Bezug zu Menschen mit geistigen Einschränkungen haben. Die Leichte Sprache klingt einfach nicht gut. Unternehmen wollen so nicht „sprechen“. Wenn ich dann Beispiele aus der Einfachen Sprache heranziehe, wird man versöhnlicher.
    Im Grunde verstehen schon viele den Berdarf nach verständlicher Sprache. Aber die Forderung aus der Behindertenrechtskonvention nach Leichter Sprache wird von den Behörden als „´Zwang“ empfunden und wird oft nur halbherzig umgesetzt. Dann bleibt kein Platz für eine andere verständliche Sprache. Ich plädiere immer für eine einfache, verständliche Sprache – und keine weitere (!), wenn die Zielgruppe die Allgemeinheit ist. Menschen mit geistigen Einschränkungen können diese auch verstehen. Wenn die geistige Einschränkung so stark ist, dass die Einfache Sprache nicht verstanden wird, dann benötigen diese Menschen keine noch einfachere Sprache, sondern individuelle Hilfe von anderen Menschen. Und wer eine Fachsprache versteht, dem erleichtert die Einfache Sprache den Alltag. Eine politischre Forderung nach einer verständlichen, klaren Sprache würde ich unterstützen. Ob allerdings Sanktionen helfen, diese auch zu verwenden? Wie könnten die aussehen?
    Es gibt noch viel zu tun!! In diesem Sinne
    Herzliche Grüße
    Andrea Battke

    1. Avatar von JRuwe_Admin

      Hallo Frau Battke,
      ich kann es nur zurückgeben: Sie sprechen mir aus dem Herzen. Ich kann jeden Satz Ihres Kommentars unterstreichen. Besonders gut hat mir dieser gefallen: „Wenn die geistige Einschränkung so stark ist, dass die Einfache Sprache nicht verstanden wird, dann benötigen diese Menschen keine noch einfachere Sprache, sondern individuelle Hilfe von anderen Menschen. Und wer eine Fachsprache versteht, dem erleichtert die Einfache Sprache den Alltag.“
      Damit ist es genau auf den Punkt gebracht. Ein wenig gewundert hat mich allerdings, dass es im Norden Deutschlands noch solche Akzeptanzprobleme gibt.
      Nach meiner Beobachtung sitzen die meisten Profis dieser Dienstleistung nördlich von Münster. Folglich muss es dort zahlreiche Auftraggeber geben.
      Hier im Süden würden die meisten untergehen. Hier muss wirklich noch Grundlagenarbeit geleistet werden. Man braucht eines Eselsgeduld. Gut, dass ich noch meine Einnahmen als Journalist habe.

      Herzliche Grüße
      Uwe Roth

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert