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Gender und Einfache Sprache

Von Uwe Roth, 24.01.2019

Die gendergerechte Sprache ist ein großes Hindernis in der Leichten/Einfachen Sprache: „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“, „Mitarbeiter*innen“, „MitarbeiterInnen“ usw. Für Schlechtleser (oder Schlechtlesende?) sind solche Doppelungen schwierig, wenn sie häufig in einem Text vorkommen. Es kommt häufig genug vor, dass wegen Genderneutralität die Leichtigkeit eines Textes abhandenkommt.

Nun hat die Stadt Hannover eine „Empfehlung für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache“ in Form eines Flyers herausgegeben. Darin heißt es: Zukünftig sollen von der Verwaltung geschlechtsumfassende Formulierungen (z.B. Beschäftigte, Sachgebietsleitung) verwendet werden.

Wenn eine geschlechtsumfassende Formulierung nicht möglich ist, ist der Gender-Star (z.B. Antragsteller*innen) zu verwenden.

Diese Regelung gilt laut Stadtverwaltung „für sämtlichen Schriftverkehr der Verwaltung – Emails, Präsentationen, Broschüren, Presseartikel, Drucksachen, Hausmitteilungen, Flyer, Briefe – und schließt somit auch Formulare ein“.

Neue Begriffe kommen hinzu

Nun müssen zumindest die Menschen in Hannover neue Wörter dazulernen: „Redepult“, „Teilnahmeliste“ oder „Wählendenverzeichnis“. Aus „Gesetzlicher Vertreter“ wird Gesetzlich vertreten durch“ oder „gesetzliche Vertretung durch“, aus „der Betroffene“ wird „betroffene Person“.

Auffallend ist, dass der Internetauftritt der Stadt Hannover alles andere als barrierefrei ist. Es gibt keine Informationen in Leichter/Einfacher Sprache. Ich habe zumindest keine gefunden. Das verblüfft mich, da nach meiner Beobachtung im Norden Deutschlands die barrierefreie Kommunikation in den Verwaltungen mehr verbreitet ist als bei mir im Süden. Oder irre ich mich?

Hartnäckige Verfechterinnen

Gegen hartnäckige Verfechter (Verfechtenden?) der gendergerechten Sprache ist schwer anzukommen. Ich hatte beim Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) in Bonn einen Workshop mit Mitarbeiterinnen aus Universitäten. Ja, es waren im Kurs ausschließlich Frauen. Sie kümmern sich um die ausländisch Studierenden und wollten ihre Kommunikation verständlicher machen. Die Ansprache ist bisher stark von der Verwaltungssprache geprägt. Die Teilnehmerinnen ließen sich auf die Grundsätze der Einfachen Sprache und fanden sie sehr hilfreich für ihre Arbeit.

Nur an einem Punkt wollten sie nicht von ihrem Sprachstil abweichen – bei den Genderformulierungen. Sie argumentierten, entsprechende Vorschriften ihrer Arbeitgeberin (wegen „die Universität“) ließen keine Vereinfachung zu. Aber auch aus persönlichen Gründen bestanden die Frauen auf Geschlechtergerechtigkeit. Ob die Einfache Sprache darunter leidet, war egal.

Warum nicht „Sehr geehrte Menschen“ oder „Liebe Menschen“

Es klingt ungewohnt: „Sehr geehrte Menschen“ als Anrede in einem Brief oder einer Mail. Und warum auch nicht im Text selbst öfter „Mensch“ schreiben, anstatt „Frauen und Männer“? Ich mache das so und verwende auch gerne „Person“ als neutrale Formulierung.

Junge Menschen scheinen da bereits weiter zu sein. Im Rahmen eines Schülerwettbewerbs der Landeszentrale für politische Bildung habe ich Wettbewerbsarbeiten bewertet. Eine Aufgabe war, eine Rede zu einem aktuellen Thema zu schreiben. Die jungen Menschen begannen ihre Texte nicht mit, „Sehr geehrte Damen und Herren“, sondern mit „Liebe Erdenmenschen“, „Liebe Erdbevölkerung“ oder auch mit „Liebe Menschen“. Ich finde das liebenswert. Außerdem geht nicht mehr Geschlechterneutralität. Schließlich sind wir alles Menschen – egal ob Frau, Mann, Divers, Christ, Moslem…

Veröffentlicht in Behördensprache Blog Fachtexte zur Einfachen Sprache

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