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Plain Language und Einfache Sprache

Unverständliche Behördenbriefe und Auskünfte, die rechtssicher sind, aber kein Bürger versteht – in Deutschland sind die Ministerien und die öffentliche Verwaltung sprachlich weit entfernt von dem, was man unter einer barrierefreien Kommunikation mit der Bevölkerung versteht. In den USA ist man weiter: Dort gilt seit Oktober 2010 eine Verordnung, die die Bundesbehörden zu einer „klaren und präzisen Sprache“ auffordert. Die Verordnung, die bei Missachtung allerdings keine Sanktionen vorsieht, „verlangt, dass alle Bundesbehörden bei der Kommunikation mit der Öffentlichkeit Klartext verwenden.“ Es ist der unter der Obama-Administration erstellte „Plain Wirting Act“ von Oktober 2010. Inzwischen spricht man in englischsprachigen Ländern von „Plain Language“.

Plain Language: Einmal lesen und gleich verstehen

Übersetzt heißt Plain Language nichts anderes als Einfache Sprache. Auf der offiziellen Webseite der US-Regierung wird Einfache oder Klare Sprache so definiert, dass der Bürger das Gelesene oder Gehörte gleich beim ersten Mal verstanden haben muss. Das ist das Gegenteil von, sich hilflos durch schwere Sätze zu quälen, Fremdwörter nachzuschlagen oder am besten einen Experten zu Rate zu ziehen, der „übersetzt“.

In Deutschland ist das Recht auf verständliche Kommunikation auf „Menschen mit Demenz, mit psychischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen“ beschränkt. Es ist im Gesetz zur Behindertengleichstellung (BGG) aus dem Jahr 2002 begründet. Es betrifft die Bundesministerien, -behörden und Institutionen, die über Bundesländergrenzen hinweg eine Bedeutung haben. Die Bundesländer selbst, aber auch die Kommunen haben sich im Bundesrat mit Hinweis auf die Folgekosten erfolgreich dem Geltungsbereich dieses Gesetzes entzogen. Sie können sich freiwillig daran orientieren.

Gesetzgeber gibt keine Definition zur Leichten Sprache vor

Allein der offizielle Begriff „Behindertengleichstellungsgesetz“ zeigt, wie weit der deutsche Gesetzgeber von einer Einfachen Sprache für alle Bürger entfernt ist. Im BGG ist seit Januar 2018 in Paragraf folgende Soll-Vorschrift enthalten:

Die Bundesbehörden sollen dann Menschen mit geistigen und seelischen Behinderungen Bescheide, Allgemeinverfügungen, öffentlich-rechtliche Verträge und Vordrucke auf Anforderung in einfacher, verständlicher Weise erklären, wenn nötig auch in Form einer schriftlichen Übertragung in Leichte Sprache.

Behindertengleichstellungsgesetz

Nach wie vor fehlt aber eine Definition des Gesetzgebers, was Leichte Sprache eigentlich ist? Der Anspruch auf barrierefreie Information wird aus UN-Behindertenrechtskonvention (UNBRK) abgeleitet. Im Originaltext steht in Artikel 2 (Seite 3) tatsächlich „plain-language“, also einfache bzw. klare Sprache. Auch in der deutschen Fassung ist „plain-language“ richtig mit „einfache Sprache“ übersetzt.

Gesetzgeber beschränkt sich auf Menschen mit Behinderung

Im Gesetz zur Bundesteilhabe (BTHG) aus dem Jahr 2016, das eine teilweise Umsetzung des UNBRK darstellt, bleibt der Gesetzgeber hartnäckig bei „Leichter Sprache“. Davon gibt es lediglich eine Fundstelle: Werkstatträte haben ein Anrecht auf einen Geschäftsbericht „light“ in Leichter Sprache.

Der deutsche Staat macht Vorschriften bislang nur für die Kommunikation mit Menschen mit einer mentalen Einschränkung. Langsam jedoch wächst die Erkenntnis, dass der Staat mit allen Bürgern verständlich kommunizieren sollte.

Plain Language: Definition der US-Regierung

Ich habe nachgelesen, wie die US-Regierung Verständlichkeit im Sinn von Plain Language definiert:

  • Logische Gliederung einer Information, die die Bedürfnisse des Lesers im Blick hat,
  • Persönliche Anrede statt man,
  • Aktive- und keine Passivsätze,
  • Kurze Sätze,
  • Alltagsbegriffe und
  • leicht zu lesende Darstellung (Optik).

Das Schreiben in Klartext ist nicht unprofessionell

US-Regierung

Die Liste gleicht auffallend der auf Internetseiten, auf denen die Einfache Sprache erläutert wird (meine Definition). Die von mir verwendete Textanalyse-Software TextLab verwendet die gleichen Kriterien.

Auch die Verteidigung der Einfachen Sprache gegenüber Kritikern dieser Sprachform lautet ähnlich:

Das Schreiben in Klartext ist nicht unprofessionell. Es geht nicht darum, die Botschaft zu „verblöden“ (dumping down) oder mit dem Publikum herablassend zu reden (talking down). Wenn Sie klar schreiben und ohne unnötige Wörter oder Fachjargon an den Punkt gelangen, werden Sie Ihre Botschaft schneller vermitteln und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Informationen verstanden und verwendet werden.

Quelle: US Food and Drug Administration (FDA)

Verwaltungen sparen mit Plain Language Zeit und Geld

Die US-Regierung wirbt nicht allein mit Vorteilen für die Bürger, sondern auch für die Verwaltungen selbst: Sie sparten mit gut verständlichen Informationen Zeit, Personalressourcen und Geld. Zudem verbessere die bessere Dienstleistung das Image in der Bevölkerung. Mit solchen Argumenten wird in Deutschland bei Unternehmen für Tools geworben, die die Unternehmenskommunikation verbessern sollen. Verständliche Kommunikation kostet zwar, spart aber auch Geld. Beispielsweise wenn der Kundenservice weniger in Anspruch genommen wird, weil Informationen selbst erklärend sind und kein Nachfragen bei der Hotline erfordern.

In Deutschland ist der Plain Writing/Language Act kaum bekannt. Auf deutschsprachigen Internetseiten sind die Begriffe kaum zu finden. In der Wissenschaft hat sich nach meiner Beobachtung Professor Andreas Baumert von der Hochschule Hannover als Erster mit Plain Language beschäftigt. In Graz (Österreich) gab es zu diesem Begriff im September 2017 eine Konferenz. An der haben laut ORF 200 Teilnehmer aus 20 Nationen teilgenommen. In den Niederlanden gibt es mit Sitz in Beusichem die Organisation Plain Language Europe. Das Netzwerk hat aber noch keine zehn Mitglieder.

Meine 15 Argumente für eine gemeinsame Einfache Sprache für alle

Veröffentlicht in Akquise und Lobbyarbeit Behördensprache Blog Fachtexte zur Einfachen Sprache

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