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Mythen und Fakten Leichte + Einfache Sprache (II)

Lesedauer 3 Minuten

2024 ist Wahljahr. Folglich hat Leichte Sprache Konjunktur. Vor allem politische Parteien rufen mit Broschüren und Internet-Texten Menschen mit Lernschwierigkeiten dazu auf, sich an den Wahlen zu beteiligen. Aber geht das überhaupt? Wäre Einfache Sprache nicht besser? In Mythen und Fakten Leichte und Einfache Sprache (II) widme ich mich der Frage, warum die Politik immer nur vor Wahlen Menschen mit Lernschwierigkeiten als potenzielle Wähler*innen sieht.

In der Theorie ist unbestritten, dass Lesen und Verstehen nicht gleichzusetzen sind. Wer einen Satz lesen kann, muss ihn nicht verstanden haben. In der Praxis wird das viel zu wenig beachtet. Siehe Informationen in Leichter Sprache zur politischen Bildung. Da kann jeder einzelne Satz der Leichten Sprache entsprechen, doch in der Summe bleibt der Text für die Zielgruppe sperrig.

Mythos: Leichte Sprache ist ein Muss

Mythos: Menschen mit Lernschwierigkeiten können mit Leichter Sprache politisch informiert werden. Informationen zu einer Wahl in Leichter Sprache sind inzwischen zu einer Pflicht geworden. Jeder, der organisatorisch oder politisch mit einer Wahl zu tun hat, fühlt sich gezwungen, etwas auf dem Sprach-Niveau A1/A2 bereitzuhalten. Würde eine Partei das nicht tun, müsste sie von allen Seiten mit Kritik rechnen. Sie ignoriere die Zielgruppe Menschen mit Behinderung, wäre so ein Vorwurf. Der käme mit Sicherheit auch von Behinderten-Organisationen.

Keine Partei möchte sich der Kritik des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, der Lebenshilfe, Caritas oder Diakonie aussetzen. Auch innerhalb der Partei gäbe es Druck. Folglich gibt es eine Broschüre in Leichter Sprache zur Wahl, aber letztlich nur, um einen Haken auf die To-do-Liste setzen zu können. Es erkundigt sich auch niemand, ob die Texte zur politischen Bildung der Zielgruppe beigetragen haben.

Populistische Partei formuliert besonders schwer

Die einzige Partei, die darauf verzichtet, ist erwartungsgemäß die AfD. Sie hätte der Zielgruppe auch nichts für sie  Positives mitzuteilen. Aber abgesehen davon ist das Programm der AfD zur Europawahl 2024 (bewusst?) so bürokratisch formuliert, dass es sowieso kaum einer lesen wird. Bei der Analyse mit TextLab kam ein HIX-Wert von mageren 4 heraus. HIX ist der Hohenheimer Verständlichkeitsindex. Demnach beginnt die allgemeine Verständlichkeit eines Textes bei 16. Der Index-Wert 4 ist unterstes Niveau.

Ich habe viele Texte aus Verwaltungen überarbeitet. Der HIX-Wert der Originale liegt meistens zwischen 6 und 10. Das noch schlechtere Wert 4 ist wieder ein Hinweis darauf, dass die AfD nichts Verschriftlichen muss, um ihre Wählerschaft zu beeindrucken. Diese darf sich aber nicht beschweren, wenn die Realpolitik der AfD nicht so ist, wie sie es sich vorgestellt hat. Man hätte es ja im Programm der Partei nachlesen können. Hat man aber nicht. Aber das nur nebenbei.

Fakt: Hürden verhindern Zugang zur Leichten Sprache

Fakt: Informationen zur Wahl in Leichter Sprache bringen der Zielgruppe wenig bis nichts. Das hat schon damit zu tun, dass es zwischen den Wahlen für die Gruppe Menschen mit kognitiver Einschränkung nichts an politischen Nachrichten in Leichter Sprache gibt. Daher ist kein Grundverständnis vorhanden. Die Informationen bleiben daher an der Oberfläche. Folglich gibt es in den Wahl-Programmen der Parteien in Leichter Sprache kaum Unterschiede.

Parteien rühmen sich, dass ihre Wahlprogramme in Leichter Sprache erstaunlich oft angeklickt werden. Sie betrachten das als Nachweis für die hohe Akzeptanz bei den Menschen. Tatsächlich weiß niemand, woher die Klicks kommen. Eventuell sind es interessierte Bürger*innen, die mit dem Wahlprogramm in der Originalfassung nicht zurechtkommen.

Hier zwei Einstiege in das jeweilige Europawahl-Programm in Leichter Sprache:

Partei 1

Wir müssen zusammenhalten.

Damit sind die Länder von der Europäischen Union gemeint.

Die Abkürzung dafür ist EU.

In der EU machen viele Länder aus Europa zusammen Politik.

Dadurch geht es Europa besser.

Partei 2

Die Europa-Wahl ist wichtig.

Damit die Länder in Europa

zusammen stark bleiben.

Und damit Deutschland stark bleibt.

In den weiteren Texten sind geringfügige Unterschiede zu erkennen, wie beispielsweise an der Anzahl der Schlagwörter, die einer Partei wichtig sind. Menschen mit Lernschwierigkeiten sind selten in der Lage, solche Feinheiten wahrzunehmen. Dazu kommt, dass sie schon vom Umfang der Texte überfordert sind. Bis zu 60 Seiten sind die vereinfachten Programme lang.

Leichte Sprache schwer im Internet zu finden

Menschen mit Lernschwierigkeiten/geistiger Behinderung finden „ihre“ Texte meistens nur im Internet. Doch schon die Datenschutz-Erklärung, die als erstes auf der Startseite ungefragt aufploppt, ist die erste Hürde, auf dem Weg zur Information in Leichter Sprache. Allein, dass jede Datenschutz-Erklärung anders aussieht und die Stelle zum Wegklicken woanders ist, sorgt bei diesem Menschenkreis für Verwirrung.

Bleibt die grundsätzliche Frage:

Wer motiviert diese Menschen, auf die Suche nach Informationen in Leichter Sprache zu gehen?

Das bedeutet doch, dass Informationen in Leichter Sprache ohne Assistenz nicht gefunden werden. Und jetzt komme ich mit meiner Einfachen Sprache: Nach den Untersuchungen der Universität Hohenheim bleiben die Partei-Programme weit unterhalb des HIX-Werts von 16 (Beginn der allgemeinen Verständlichkeit = Einfache Sprache nach DIN ISO 24495-1). Warum verfassen die Parteien ihre Programme nicht gleich in dieser Sprachform? Davon könnten alle profitieren, auch Menschen mit kognitiver Einschränkung. Denn ihre Assistenz wäre sehr viel leichter in der Lage, die Inhalte zu erklären.

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