Tagesschau reagiert gereizt auf Kritik an Einfacher Sprache

Lesedauer 4 Minuten

Es hat gedauert. Aber nun bekam ich aus der Tagesschau-Redaktion eine Antwort auf meine Kritik an ihrer Auffassung von Einfacher Sprache. Diese besteht aber nur aus Textbausteinen, die sich mit meinen fachlichen Anmerkungen in keiner Weise auseinandersetzen. Der Ton ist respektlos.

Antwort-Mail der Tagesschau auf Kritik am neuen Nachrichten-Angebot

Anmerkung UR: Ich stehe zu meiner Kritik. Insbesondere die DIN ISO 24495-1 blieb unberücksichtigt. Die Definition der Zielgruppe ist schwammig. Über die Lese-Erwartung wurde keine Sekunde nachgedacht.

Anmerkung UR: doof? Das habe ich nie behauptet. Erst recht nicht „dumm“. Ich hatte geschrieben, die Redaktion unterstellt Schlechtlesenden wegen der flachen Inhalte der Nachrichten automatisch Bildungsferne. Die Projektleiterin kennt wohl nicht die Unterschiede zwischen bildungsfern, leseschwach und kognitiv eingeschränkt. Für diese drei Attribute gibt es keine gemeinsame Textform. Das hat die Projektleiterin wohl übersehen.

Anmerkung UR: In meinem Fachkreis ist man einhellig der Meinung, dass das inhaltliche Niveau der Nachrichten eindeutig auf der Leichten Sprache liegt. Wer Deutsch lernt (das schreibt man doch eindeutig groß), erreicht nach einem halben Jahr intensiven Sprachkurs das „normale“ Niveau der Einfachen Sprache. Zu behaupten, wer nach einem anstrengenden Tag zu müde für die Standard-Nachrichten-Sprache der Tageschau ist und deswegen das Niveau der Leichten Sprache braucht, zeugt von geringen Kenntnissen der Zuschauer*innen.

(Hier ist in der Original-Mail der Link auf die Pressemitteilung des DIN e. V.)

Anmerkung UR: Als Beleg dafür, dass man sich an die DIN 8581-1 Einfache Sprache halte, verweist die Projektleiterin mit einem Link auf die Pressemitteilung des DIN e. V. Das ist ungefähr so, als würde ein Heizungsbauer behaupten, das Heizungsgesetz vollinhaltlich zu verstehen, weil er die Pressemitteilung der Bundesregierung gelesen hat. Ich glaube nicht, dass die Projektleiterin die hier angesprochenen Normen überhaupt gelesen hat.

Anmerkung UR: Die Forschungsstelle für Leichte Sprache hat der Tagesschau empfohlen, ihr neues Nachrichtenangebot „Einfache Sprache“ zu nennen? Die Forschungsstelle war am Entwurf der DIN 8581-1 nicht beteiligt, obwohl sie dies hätte können. Die Redaktion hatte auch Beratungsangebote von journalistischer Seite, die sich mit Einfacher Sprache auskennt (u. a. von mir). Doch die Projektleiterin vertraute mehr der Wissenschaft und weniger praktischen Erfahrungen.

Abschließende Bemerkung zur Antwort der Tagesschau-Redaktion

Ich gehe davon aus, dass die Projektleiterin diese geschrieben hat – in einem ziemlich pampigen Ton. Dass der Tagesschau-Chefredakteur Marcus Bornheim die Mail gezeichnet hat, verwundert mich schon. Wer weiß, vielleicht hat er die Stellungnahme aus einer Redaktion gar nicht gelesen. Denn die Absenderadresse ist nicht seine, sondern die „publikumsservice@tagesschau.de“.

Die Formulierungen zeigen, die Tagesschau-Redaktion hat nicht vor, sich auch nur mit einem Kritikpunkt auseinanderzusetzen.

Dass zu der DIN auch die Anwendung der DIN ISO 24495-1 Einfache Sprache/Plain Language gehört, hat die Redaktion/Projektleiterin wohl immer noch nicht verstanden.

Letztlich steht in der Mail an mich das Gleiche wie in der Ankündigung des neuen Nachrichten-Angebots in Einfacher Sprache. In der Zwischenzeit nichts dazugelernt. Ich finde diese Haltung des wichtigsten TV-Nachrichtenmediums in Deutschland ziemlich arrogant.

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Siehe auch 15 Lehren aus der Tagesschau in Einfacher Sprache

Siehe auch Mythen und Fakten Leichte + Einfache Sprache (III)


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Kommentare

Eine Antwort zu „Tagesschau reagiert gereizt auf Kritik an Einfacher Sprache“

  1. Avatar von Prof. Dr. Christiane Maaß

    Als Leiterin der Forschungsstelle Leichte Sprache erkläre ich: zu keinem Zeitpunkt bestand eine Zusammenarbeit der Tagesschau in Einfacher Sprache. Wir haben die ARD dazu weder beraten, noch begleiten wir das Projekt. Es handelt sich um eine Falschbehauptung des Briefschreibers Marcus Bornheim, die ich zurückweise.

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