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Einfache Sprache hat ohne Standards wenig Chancen

Lesedauer 4 Minuten

Uwe Roth, Journalist – Aufsatz im Newsletter 2/2021 PLAIN Plain Language Association International. English version

Es ist höchste Zeit für eine Norm Plain Language in Deutschland. Die Bevölkerung wäre über die Covid 19-Pandemie besser informiert. Die Akzeptanz der staatlichen Anordnungen könnte höher sein. Der öffentliche Protest wäre wahrscheinlich geringer. Das ist meine Beobachtung als Journalist, der über die Pandemie berichtet. Die Universität Stuttgart-Hohenheim bestätigt meine Annahme. Wissenschaftler analysierten über 1300 Pressemitteilungen der deutschen Bundesregierung . Sie stellten fest, die meisten Texte sind schwer verständlich. Die Pressesprecher erklären Fachbegriffe nicht. Eine ISO/ DIN ist dringend notwendig. Sie muss nicht nur schnell kommen. Sie darf keine Empfehlung sein, sondern sollte einen verbindlichen Charakter haben. Ansonsten wird sich wenig ändert. Fachsprache steht in Deutschland für Autorität.

Die Deutschen lieben ihre langen Sätze

In Deutschland ist Plain Language nicht populär. Im Gegenteil: Komplizierte Sätze gehören zu einer langen deutschen Tradition. Die Politik, Verwaltung und Wissenschaft halten am Fortbestand dieser Tradition gerne fest. Noch hat es Plain Language schwer, dagegen anzukommen. Mark Twain (1835-1910) lästerte über die deutsche Sprache: “Wenn der literarisch gebildete Deutsche sich in einem Satz stürzt, sieht man nichts mehr von ihm, bis er auf der anderen Seite des atlantischen Ozeans mit dem Verb zwischen den Zähnen wieder auftaucht.” Das kann ich bestätigen. Ich zitiere diesen Satz von Twain in meinen Seminaren. Teilnehmer sind überwiegend Akademiker. Das Zitat ist immer gut für einen Lacher.

Die Akademiker sind in meinen Kurs gekommen, um ihre Fachsprache verständlich zu machen. Die Teilnehmer sind am Ende des Kurses meistens überzeugt, dass es Zeit für Plain Language ist. Ich frage Wochen später nach, ob die guten Vorsätze noch da sind. Meistens stelle ich enttäuscht kaum Änderungen in der Kommunikation fest. Wäre Mark Twain am Leben, er könnte ohne Hemmung weiter über die deutsche Sprache lästern.

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Fachsprache vermittelt Kompetenz und ersetzt Argumente. Das zeigt sich auf eine gefährliche Weise in der Corona-Pandemie. Einige Virologen sind mit ihren täglichen Statements über die Medien sehr populär geworden. Die Bevölkerung kennt ihre Namen. Sie versteht aber wenig, was sie zu Corona sagen. Virologen waren vor der Corona-Pandemie in ihren Laboren oder Hörsälen. Die Mediziner waren selten in einer Pressekonferenz oder Talkshow vor einem Mikrofon. Wissenschaftler sind gewohnt, dass Öffentlichkeit und Politik ihren Schlussfolgerungen ohne Widerrede akzeptieren. Wissenschaftler erwarten von der Politik, dass diese aus ihrer Expertise Regeln erstellt. Wissenschaftler erkennen keinen Grund, allgemein verständlich zu werden. Politiker, die Medizin studierten, sind ersatzweise Vermittler von Wissen. Aber sind Politiker dabei objektiv?

In der Medizin ist die Dichte an exotischen Fachbegriffen extrem hoch. Virologen müssten ein hartes Training absolvieren, um ihr Wissen allgemein verstehbar zu machen. Ich erkläre in meinen Kursen diesen Prozess der Transformation so: Ein Wissenschaftler hat die Fachsprache fest verankert im Kopf. Er muss seine Fachsprache in Alltagssprache übersetzen, will er einem Laien etwas erklären. Diese Übersetzung muss in kürzester Zeit zwischen Gehirn und Mund passieren. Diese Verdolmetschung eigener Gedanken in Echtzeit beherrschen nur wenige.

Ist Rechtssicherheit wichtiger als Verständlichkeit?

Ich lebe in Baden-Württemberg. Es ist eine südliche Region in Deutschland. Ich habe öffentliche Texte “meiner” Regierung zum Thema Corona-Regeln untersucht. Ich habe Kontakt mit dem Ministerium aufgenommen. Ich habe eine verantwortliche Person mit meinem Vorwurf konfrontiert, dass die Bevölkerung die Texte nicht verstehen könne. Die Person zeigte sich etwas schuldbewusst. Sie entschuldigte sich mit dem Argument, zum Schreiben des Textes sei wenig Zeit gewesen. Außerdem müsse ein solcher Text zu 100 Prozent rechtssicher sein. Ich habe diese provozierende Frage gestellt: Was hat ein Satz, der 60 Wörter umfasst, mit Rechtssicherheit zu tun? Kann es nicht sein, dass dieser Text einfach schlecht geschrieben ist?

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Die Wissenschaftler der Universität Stuttgart-Hohenheim kritisieren die Fachbegriffe in den Pressemitteilungen der Bundesregierung, die unerklärt geblieben sind. Sie stellten ebenso fest, dass viele Sätze zu lang sind und der Satzbau kompliziert. Man kann schlechtes Deutsch dazu sagen. Ich bekomme sehr oft zu hören, Rechtssicherheit schließe Plain Language aus. Das ist in Deutschland ein Totschlagargument. Aber woraus besteht Fachsprache?

Aus meiner Sicht zu 70 Prozent aus schlechtem Deutsch und zu 30 Prozent aus Fachbegriffen. Bringt ein Autor die 70 Prozent in Ordnung (kurze Sätze und klarer Satzbau), kommt er Plain Language ein großes Stück näher. In einem nächsten Schritt muss der Autor die Fachbegriffe umschreiben. In der Summe ist viel für die allgemeine Verständlichkeit erreicht.

Experten müssen Wissen vermitteln und Alltagssprache lernen

Gäbe es die ISO/DIN Plain Language bereits, wären zwei Regeln von zentraler Bedeutung:

  • 1. Festlegen der Zielgruppe, für die der Text bestimmt ist.
  • 2. Der Text beschränkt sich auf den Wortschatz der Zielgruppe.

Die Rechtsvorschriften mit den Corona-Verhaltensregeln, die tief in den Alltag der Menschen eingreifen, sind nicht für die Bevölkerung formuliert. Die Regeln sind von Juristen für Juristen verfasst. Fachbegriffe aus der Virologie und Pandemie-Forschung werden 1:1 übernommen. Wissenschaftliche Literatur ist im Wesentlichen in englischer Sprache. Für spezielle Begriffe wird nie eine deutsche Übersetzung festgelegt.

Politik, Verwaltung und Wissenschaft erwarten von den Medien, dass diese Fachsprache übersetzen. Doch vor allem lokale und regionale Medien sind damit komplett überfordert. Alle gehen davon aus, dass einfache Bürger verstehen, was Lockdown tatsächlich heißt. Social Distancing, Home-Office, Homeschooling oder FFP-Maske (Filtering Face Piece Mask) sind in der deutschen Sprache ebenso gängig geworden. Aber warum?

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Ich bringe schwierige Texte in Richtung Plain Language. Die Betonung liegt auf “in Richtung”. Ich erreiche Plain Language meistens nur annähernd, weil die Ausgangstexte ihren Zweck verfehlt haben. Sie beschränken sich nicht auf den Wortschatz der Zielgruppe. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Ein Text richtet sich an die allgemeine Öffentlichkeit. Das ist der Arbeitsauftrag. Doch der Autor hatte beim Texten nicht die Bürger im Sinn, sondern Juristen oder den politischen Gegner. Wenn ein Kunde nicht bereit ist, seinen Text für die Zielgruppe konsequent umschreiben zu lassen, hat Plain Language keine Chance.

Fazit: Schon die Person muss Plain Language akzeptieren, die den ersten Input zu einem Text für die allgemeine Öffentlichkeit liefert. Sie sollte bemüht sein, möglichst wenig Fachsprache einzubringen. Dann gelingt in der weiteren Bearbeitung des Texts Plain Language. Die Corona-Kommunikation zeigt, wie weit Politik, Verwaltung und Wissenschaft von dieser Erkenntnis entfernt ist. Ich kann nur hoffen, dass eine ISO/DIN mehr Akzeptanz.

Uwe Roth ist ein Journalist. Er schreibt seit sechs Jahren Texte in Einfacher Sprache für Verwaltungen, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen. Er ist Dozent an Fachschulen und veranstaltet Workshops. Roth ist Mitglied im Verein Deutsches Institut für Normung. Er ist stellvertretender Projektleiter in der Arbeitsgruppe für eine DIN Einfache Sprache.

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Veröffentlicht in Akquise und Lobbyarbeit Blog

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