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Zukunftsagenda: Forderungen an die Politik in (fast) Einfacher Sprache

Lesedauer 4 Minuten

Es ist ein Riesenschritt: Der BUND und der Paritätische Gesamt-Verband haben ein politisches Papier in Einfacher Sprache veröffentlicht. Titel ist des Dokuments ist „Zukunftsagenda„. Ich hatte den Auftrag, das ursprüngliche Manuskript zu überarbeiten. Der Katalog mit ihren Forderungen an die Politik richtet sich an die Parteien, die in Deutschland zur Bundestagswahl am 26. September 2021 antreten.

Der BUND ist der „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland„. Der Paritätische ist in der Sozial- und Gesundheitspolitik aktiv. Er ist der Dachverband von über 10000 Organisationen, Einrichtungen und Gruppierungen.

Uwe Roth ist Mitglied im Verein Deutsches Institut für Normung (DIN). Dort entstehen zwei Regelwerke: Eine DIN Spec 33429 Leichte Sprache sowie eine DIN 8581 Einfache Sprache. Uwe Roth arbeitet an beiden Regelwerken intensiv mit. Zusätzlich entsteht auf internationaler Ebene eine ISO 24495 Plain Language (Einfache Sprache). Diese wird in einer DIN umgesetzt. Uwe Roth ist dafür Projektverantwortlicher. Zu meinem Blog.

Der BUND und der Paritätische haben erstmals ein solches Papier gemeinsam formuliert. Es vereint Umwelt-/Klima-Themen sowie soziale Themen. Für beide Verbände sind diese Themen untrennbar miteinander verbunden. In der Mitteilung an die Medien zur Zukunftsagenda heißt es: „Ein echter gesellschaftlicher Umbau ist nur möglich, wenn man ökologischen Umbau, Naturschutz, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit zusammen denkt.“ 

Die Zukunftsagenda ist ein erster Versuch, in der Politik mit Einfacher Sprache zu argumentieren. Der Text kann eine Blaupause sein, wie Argumente allgemein-verständlich formuliert werden können, ohne dass diese ihr politisches Gewicht verlieren.

Uwe Roth, Texter und Berater für die Einfache Sprache

Ursprungstext der beiden Fach-Verbände weit von Einfacher Sprache entfernt

Fachbegriffe prägen die Sprache beider Verbände. Es sind spezielle Wörter, die garantiert nicht zur Alltagssprache gehören. Die Ursprungstexte waren für Laien schwer lesbar bis gar nicht verständlich. Als Journalist bin ich es gewohnt, mich durch unterschiedliche Fach-Sprachen zu quälen. Dazu gehört oft genug Politik-Sprache. Es ist für mich keine Option, im Dschungel aus Wort-Schlangen, verschlungenen Sätzen und Fach-Sprachen-Dickicht aufzugeben.

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Ich verdiene mein Geld mit dem Umsetzen von Fach- in Journalisten-Sprache. Expert*innen gehen gewöhnlich davon aus, dass es die berufliche Aufgabe von Journalist*innen ist, ihre spezialisierte (unverständliche) Sprache in gewöhnliches Deutsch für den Zeitungsleser zu „übersetzen“. So als kostenlose Dienstleistung.

Ich halte dagegen, dass ich von Beruf kein Übersetzer bin. Meine Aufgabe als Journalist ist es vielmehr, einem/r Experten/in so lange Fragen zu stellen, bis ich eine verständliche Antwort erhalten habe. Nur der Fach-Mensch weiß, an welcher Soll-Bruchstelle die laienhafte Darstellung seines Wissens zur falschen Information wird. Er/sie hat für die Verständlichkeit zu sorgen. Letztlich müsste jeder Fach-Mensch sein Wissen allgemein-verständlich darstellen können. Doch die wenigsten sind dazu in der Lage. Das merke ich regelmäßig in meinen Workshops für Führungskräfte.

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Fach-Sprache ist kompatibel mit Einfacher Sprache – man muss nur wissen wie

In meinen Kursen geht es nicht darum, Fach-Wissen auf den Prüfstand oder gar in Frage zu stellen. Aber die Fach-Sprache muss auf den Prüfstand. Bei den meisten herrscht die aus meiner Sicht irrige Auffassung vor, dass Fach-Wissen ohne Fach-Sprache nicht darstellbar ist.

Mithilfe des Online-Analyse-Programms TextLab gelingt es mir nachzuweisen, dass Fach-Sprache aus sehr viel schlechtem Deutsch besteht: Überlange Sätze und Wörter, fast ausschließlich Passiv-Konstruktionen, Abkürzungen oder Substantivierungen. Die Aufzählung lässt sich fortsetzen.

Das Verstehen eines Fach-Textes scheitert gleichermaßen an einem schlechten Satzbau wie an nicht allgemein bekannten Fach-Termini. Die Einfache Sprache ist mit ihren Regeln sehr hilfreich, die Barrieren fürs Verstehen zu beseitigen. Ich bin deswegen froh, dass auf internationaler Ebene eine ISO Plain Language (Einfache Sprache) entsteht. An der Umsetzung dieser ISO in eine DIN bin ich beteiligt.

DIN Einfache Sprache für eine verständliche Corona-Kommunikation

Eine zentrale Forderung der Norm wird sein, dass Texte zielgruppen-gerecht formuliert sein müssen. Zielgruppen-gerecht bedeutet, dass Autoren*innen beim Schreiben auf den Wortschatz der Lesenden Rücksicht nehmen. Die meisten Fachbegriffe fallen damit weg. Die Verwaltung schreibt den Brief für den Adressaten Bürger*in und nicht für Juristen in der übergeordneten Behörde. Das ist zumindest die Zielrichtung der ISO/DIN.

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Ich hoffe sehr, dass die Normen für eine verständliche Kommunikation möglichst bald verbindlich werden. Ein Text, der sich an die allgemeine Öffentlichkeit richtet, darf nach der DIN Einfache Sprache nicht mehr von Behörden-Deutsch dominiert sein. Das gilt genauso für Informationen aus der Politik.

Einfache Sprache anzuwenden, wird nach meiner Beobachtung umso wichtiger, je mehr die Lese-Kompetenz in der Bevölkerung sinkt. Aus meiner Sicht verliefe die Corona-Kommunikation der Politik/Behörden sehr viel besser, gäbe es die DIN Einfache Sprache als eine Verpflichtung.

Wörter und Sätze müssen sich mit einem Blick erfassen lassen

Auch der ursprüngliche Text des BUND und Paritätischen Gesamt-Verbands hat meine Kondition im Lesen schwerer Texte in Anspruch genommen. Ich habe den Auftrag sehr gerne angenommen. Mich hat die Bereitschaft beider Verbände gefreut, aus der gewohnten Mischung von Fach- und Politik-Sprache einen Text zu machen, den auch die Mitglieder und die allgemeine Öffentlichkeit verstehen.

  • Ich verstehe nicht, warum Lobby-Vertreter davon ausgehen, dass Politik-Treibende sich alle Zeit der Welt nehmen, um ihren Text in schwerer Sprache zu studieren.
  • Wie können Lobby-Vertreter davon ausgehen, das Politik-Treibende ausgerechnet ihren Fachwort-Schatz kennen?
  • Wie können sie davon ausgehen, dass es die Bereitschaft/Zeit gibt, unbekannte Wörter zu googlen?
  • Wer sagt, dass sich nur mit schwerer Sprache Kompetenz nachweisen lässt?

Ich finde, Wörter und Sätze müssen sich mit einem Blick erfassen lassen. Lesende müssen einen Satz mit einem Blick verstehen. Das hat viel mit Optik zu tun. Daher verwende ich gerne Binde-Striche, auch wenn diese gewöhnungsbedürftig sind. Doch was soll’s, die Lesbarkeit steht im Vordergrund. Die englische Sprache kennt Wort-Ungetüme nicht in dem Maß wie das Deutsche. Lange Begriffe sind durch ein Leerzeichen getrennt oder durch einen Bindestrich. Wo ist das Problem?

Ein guter Satz ist trotzdem nicht Einfache Sprache, wenn die Schrift zu klein oder die Schrift-Type schlecht lesbar ist. Oder das Dokument ist eine Blei-Wüste, wie es in meiner Berufssprache heißt. Mancher Text fällt als Einfache Sprache bereits durch, weil Absätze ein rares Gut sind.

Einfache Sprache ist Schwimm-Hilfe in der Flut von Informationen

Die Flut an Informationen ist in politischen Kreisen gewaltig. Schwere Texte erfordern eine erhöhte Konzentration der Lesenden. Die Konzentration ist auch bei Lese-Geübten irgendwann aufgebraucht angesichts der Vielzahl sowie Schwierigkeits-Grade von Dokumenten. Es ermüdet, sich auf zig Fach-Sprachen am Tag einzulassen.

Einfache Sprache fällt aus dem Rahmen. Sie ist eine Schwimm-Hilfe in der Flut an Informationen.

Uwe Roth

Zugegeben: Die Zukunftsagenda des BUND und der Paritätische ist nicht Einfache Sprache pur. Das beginnt schon bei der Gender-Sprache. Sie in die Einfache Sprache zu übernehmen, war eine Verpflichtung. Aber immerhin wurde aus Bürger*innenenergie im Original in der Light-Version Bürger*innen-Energie. Und zugegeben: Die beiden Verbände haben ihr Original vorsorglich auf der Webseite als PDF hinterlegt. Das ist nicht schlecht. So kann jeder selbst entscheiden, ob er die Version in (fast) Einfacher Sprache lesen will oder die in der Fach-Sprache.

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Veröffentlicht in Behördensprache Textbeispiele

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