Einfache Sprache: Warum sie gefördert werden muss

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Einleitung: Verständliche Kommunikation ist Barrierefreiheit

Über den Autor: Uwe Roth ist Journalist und führender Experte in der Einfachen Sprache. Er arbeitet in den DIN-Gremien zur Leichten und Einfachen Sprache mit. Er gehört zu den Gründer*innen des DACH-Forums Einfache Sprache.

Die Bundesregierung plant, das Behinderten-Gleichstellungsgesetz zu erneuern. Ein zentrales Element soll ein Kompetenzzentrum für Gebärdensprache und Leichte Sprache sein. Dieser Schritt stärkt die Gebärdensprache – zu Recht, denn sie ist als eigenständige Sprache anerkannt und braucht Förderung.

Doch ein wichtiger Bereich bleibt erneut außen vor: die Einfache Sprache (DIN 8581-1).

Obwohl immer mehr Menschen auf verständliche Texte angewiesen sind, erhält die Einfache Sprache nach wie vor keine öffentliche Unterstützung. Dabei ist sie – anders als die Leichte Sprache – Teil der Standardsprache und rechtssicher einsetzbar.

Siehe auch Kompetenz-Zentrum Leichte Sprache – warum?

Warum Einfache Sprache unverzichtbar ist

Eine wachsende Zielgruppe – und eine wachsende Lücke

Viele Menschen verstehen komplexe Verwaltungstexte nicht oder nur schwer. Dazu gehören Menschen mit kognitiven Einschränkungen, aber auch Menschen mit geringer Lesekompetenz, Menschen mit wenig deutscher Sprachpraxis oder Personen in belastenden Alltagssituationen. Eigentlich wäre für alle Menschen Einfache Sprache ein niedrigschwelliger Zugang zu zentralen Informationen – verständlich, präzise und ohne Informationsverlust. Doch während die Leichte Sprache seit Jahren öffentlich gefördert wird, bleibt die Einfache Sprache weiterhin ohne strukturelle Unterstützung. Leichte Sprache: hilfreich – aber nicht rechtssicher

Warum Leichte Sprache an Grenzen stößt

Leichte Sprache folgt einem streng reduzierten Regelwerk. Sie kann Menschen mit Lernschwierigkeiten unterstützen, liefert jedoch nur einen kleinen Teil der Informationen, die im Originaltext enthalten sind. Darum findet sich unter Texten in Leichter Sprache fast immer der Hinweis: „Gültig ist nur der Originaltext.“ Für Behörden und Verwaltung bedeutet das: Leichte Sprache ist ein wichtiges Angebot – aber in vielen Fällen nicht ausreichend, weil sie kein rechtssicheres Arbeiten ermöglicht.

Einfache Sprache: rechtssicher – und jetzt erstmals normbasiert

Neue Normen stärken den Anspruch Mit der DIN ISO 24495-1 und ihrer Erweiterung für juristische Kommunikation (DIN ISO 24495‑2) ist klar geregelt: Verwaltungssprache kann in Einfacher Sprache rechtssicher formuliert werden. Damit gibt es erstmals einen verbindlichen Rahmen, der Einfachheit, Präzision und Rechtsverbindlichkeit miteinander verbindet. Ich selbst gebe seit mehr als fünf Jahren Kurse in Einfacher Sprache. Doch keiner dieser Kurse wurde bisher öffentlich gefördert – obwohl Verwaltungen, Organisationen und Unternehmen, die teilnehmen, regelmäßig bestätigen, wie sehr ihnen verständliche Kommunikation hilft.

Siehe auch DIN ISO: Einfache Sprache für juristische Kommunikation

Diskussion um Leichte Sprache – ein unruhiges Feld

Während die Einfache Sprache klare, normierte Grundlagen erhält, erlebt die Leichte Sprache eine Phase der Unschärfe. Einige Initiativen, darunter Universitäten, arbeiten an Varianten wie „Leichte Sprache Plus“. Gleichzeitig entfernen sich viele Anbieter vom bisher festgelegten Zielgruppenkonzept. Das Ergebnis: Die Definition wird unscharf – und damit noch anfälliger für automatisierte KI‑Texte, die zwar „leicht“ wirken, aber kaum überprüfbar sind.

Warum öffentliche Förderung jetzt notwendig ist

Einfache Sprache ist gesellschaftliches Werkzeug

Trotz ihrer Vorteile wird Einfache Sprache bislang nur punktuell genutzt – meist dann, wenn engagierte Einzelpersonen in Verwaltungen oder Organisationen sie aktiv einführen. Ohne öffentliche Mittel bleibt sie ein Nischenthema, obwohl sie für eine inklusivere Gesellschaft unverzichtbar ist. Einfache Sprache ermöglicht:

  • barrierefreien Zugang zu Informationen,
  • rechtssichere Kommunikation,
  • Vertrauen zwischen Bürger*innen und Verwaltung,
  • gleichberechtigte Teilhabe für Menschen aller Sprach- und Bildungshintergründe.

Was Behörden und Unternehmen jetzt tun sollten

Einfache Sprache gehört dorthin, wo Menschen verlässliche Informationen brauchen. Deshalb sollten Institutionen:

  • verständliche Kommunikation bewusst fördern,
  • interne und externe Texte in Einfacher Sprache anbieten,
  • Aufträge für Übersetzungen und Schulungen vergeben,
  • Mitarbeitende qualifizieren und zertifizieren lassen. Damit entsteht ein echter Mehrwert – nicht als Ersatz der Standardsprache, sondern als Türöffner zu ihr.

Mein Fazit: Es ist Zeit für Gleichstellung

Die Einfache Sprache hat das Potenzial, Verwaltung, Unternehmen und Gesellschaft gleichermaßen zu stärken. Was ihr fehlt, ist nicht Anerkennung – sondern Förderung, wie sie die Leichte Sprache seit Jahren erhält.

Eine inklusive Gesellschaft braucht verständliche Texte. Und verständliche Texte brauchen Unterstützung. Jetzt ist der richtige Moment für Veränderung.

FAQ – Einfache Sprache kurz erklärt

Was ist Einfache Sprache? Einfache Sprache sorgt dafür, dass Informationen klar und gut verständlich bleiben, ohne Inhalte zu reduzieren. Sie folgt nach der DIN 8581-1 etablierten Regeln und ist rechtssicher einsetzbar.

Was ist der Unterschied zur Leichten Sprache? Leichte Sprache richtet sich mit ihrer Norm-Empfehlung DIN SPEC 33429 an „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ und reduziert Inhalte stark. Einfache Sprache richtet sich als Teil der Standardsprache an eine breite Öffentlichkeit und behält den Informationsgehalt bei.

Warum ist Einfache Sprache wichtig? Weil viele Menschen Schwierigkeiten mit komplexen Texten haben – auch ohne Behinderung. Einfache Sprache ermöglicht Teilhabe und stärkt das Vertrauen in Institutionen.

Warum braucht Einfache Sprache Förderung? Weil sie bislang kaum strukturelle Unterstützung erhält, obwohl sie rechtssicher, normbasiert und gesellschaftlich notwendig ist.

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