Verständlichkeit ist oberstes Gebot - nicht die Erfindung von Kofferwörtern.

Einfache Sprache braucht klare Wörter – keine Kofferwörter

Lesedauer 2 Minuten

Über den Autor: Uwe Roth ist Journalist und führender Experte in der Einfachen Sprache. Er arbeitet in den DIN-Gremien zur Leichten und Einfachen Sprache mit. Er gehört zu den Gründer*innen des DACH-Forums Einfache Sprache.

Achtung, wichtige Regel in der Einfachen Sprache: „Es müssen konkrete statt allgemeiner Wörter benutzt werden. Sie müssen den Gegenstand oder Vorgang genau benennen“ (DIN 8581-1, Kapitel 7.1.3). Doch Influencer, PR- und Werbe-Fachleute machen exakt das Gegenteil: Sie erfinden Begriffe. So wie diese ihnen in den Kopf kommen. Also reine Fantasie. Meine Beobachtung der Teilnehmenden in Workshops zur Einfachen Sprache ist ähnlich: Fehlt mir das richtige Wort, bastele ich mir einen Ersatzbegriff. Doch Einfache Sprache braucht klare Wörter – keine Kofferwörter.

Die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) ist dem Phänomen Kofferwörter nachgegangen. Der Journalist stolperte bei seiner Recherche über Wörter wie „Quietcations“ oder „Coolcations”. Linguistisch betrachtet sind dies Kofferwörter. Zwei Wörter werden zu einem Wort verschmolzen.

Siehe auch Lieferketten-Gesetz kurz erklärt – geholfen hat Einfache Sprache

Was sind Kofferwörter – und warum sie so beliebt sind

Der Wort-Erfinder aus der Tourismusbranche hat in diesem Fall die englischen Begriffe für Ruhe (quiet) und Urlaub (vacation) zwangsfusioniert. Wer es im Urlaub kühl mag, bucht eine Coolcation (gleich Kühlferien). Das Kofferwort kann auch als kühler Ort (Location) interpretiert werden. Der KNA-Journalist schreibt entnervt von einer wachsenden „Kofferwortitis“. Die Endung aus der Medizin kennzeichnet eine Entzündung oder entzündliche Erkrankung.

Seine Schlussfolgerung lautet:

„Ein Mensch mit Kofferwortitis bildet also pathologisch Kofferwörter.“

Profis müsste klar sein, dass Kofferwortitis ein Kommunikationsweg in die Sackgasse ist. Die Wortwahl der Stunde müsste vielmehr Eindeutigkeit sein und nicht Beliebigkeit. Grund: Der allgemeine Wortschatz in der Bevölkerung sinkt. Dies liegt nicht allein daran, dass Alltagsleser*innen vor allem Texte mit einer eingeschränkten Wortwahl wahrnehmen. Komplexe Wörter landen nicht im Gedächtnis, weil man sich das Wissen dahinter jederzeit über Google neu besorgen kann. Das prägt den Wortschatz.

Originalität ist kein Ersatz für Verständlichkeit

Die Konsequenz wäre, die DIN-Regel einzuhalten, um bei der Zielgruppe Rätselraten über unbekannte Wörter zu vermeiden. Doch das passiert vor allem in den digitalen Medien nicht. Bei Content-Kreatoren (Inhaltsschaffende?) steht die scheinbare Originalität eines Textes offensichtlich über dem Anspruch, dass Lesende sie verstehen.

Warum Teams eigene Wortschöpfungen entwickeln

Neben dem Streben, auf Teufel komm raus originell und erfinderisch zu sein, gibt es für eigenwillige Wort-Schöpfungen weitere Gründe. Einer könnte tatsächlich sein, Lücken im Wortschatz notgedrungen mit Eigenkreationen zu füllen. Ich beobachte das in großen Organisationen: In Teams bilden sich aus dem genannten Grund Wort-Schöpfungen heraus:

  • Kombinationen aus dem Deutschen und Englischen (Denglish)
  • mit Gewalt eingedeutschte Fremdwörter („performen“, „liken“, „challengen“, „briefen“, „checken“, „chillen“, „pushen“)
  • rein deutsche Wort-Kreationen („Balkonkraftwerk“, „Lieblingsmensch“, „Gasmangellage“).

Der allgemeine Wortschatz zerbröselt. Daher ist es schwierig, Die Sprachkenntnis nach den Kompetenzstufen A1 bis C2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) festzumachen, funktioniert aus meiner Sicht immer seltener. Ich lehne daher B1 und B2 als Bewertungskriterium für die Einfache Sprache ab.

Wenn niemand nachfragt, gehen Informationen verloren

Mitglieder eines Teams verstehen Wort-Erfindungen für die schnelle Kommunikation (innerhalb des Teams). Doch schon außerhalb eines Teams kann es zu Problemen in der Verständigung geben. Treffen sich Teams unterschiedlicher Fachrichtungen zu einer großen Runde, kann es wegen verschiedener Nischensprachen babylonisch werden: IT-ler vs Marketing-ler; Buchhaltung vs Social Media.

Doch weil niemand sagt, „ich habe das jetzt nicht verstanden, bitte verständlicher“, bleiben für eine Organisation wichtige Informationen unter Umständen auf der Strecke. Man redet aneinander vorbei und kann nur vermuten, welche unnötige Kosten daraus entstehen.

Kurs Einfache Sprache: Wissen verständlich machen

Ich arbeite in meinen Workshops zur Einfachen Sprache solche Phänomene auf. Eine Übung ist, Fachbegriffe verständlich zu umschreiben. Sie gehört zu den schwierigsten in meinen Kursen. Aber ich habe praktische Tipps, wie man sein Wissen allgemein verständlich macht.

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