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Ausstellung in verständlicher Sprache zertifiziert – Info-Turmforum

Es ist eine der ersten Dauer-Ausstellungen in Deutschland mit Texten weitgehend in Einfacher Sprache. Die Kuratoren verzichteten auf ein Infoblatt in Leichter Sprache. Ein solches erklärt wenig. Die eigentlichen Texte in den Räumen der Ausstellung bleiben für Schlechtleser Barrieren. Das Konzept auf bewussten Verzicht einer Fachsprache stärkt Ausstellungen und Museen für die Zukunft. Denn immer mehr Menschen sind es nicht gewohnt, Texte zu verstehen, die über Alltagssprache hinausgehen.

Ich habe den Auftrag für die Überarbeitung erhalten. Das Ergebnis erhielt ein Zertifikat des Instituts für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. Es ist zugleich eine Bestätigung, Experten-Wissen kann so erklärt werden, dass Fachbegriffe nur einzeln notwendig sind. (Beispiel)

Ein Text in Einfacher Sprache ist ideal für Audioguides. Einfache Sprache als Vorlage erleichtert die Arbeit von Simultan- und Gebärden-Dolmetschern.

Einfache Sprache gehört in Museen und Ausstellungen zur barrierefreien Kommunikation

Ich habe die Verantwortlichen der Ausstellung überzeugt, dass Einfache Sprache Teil einer barrierefreien Kommunikation ist. Diese beschränkt sich nicht auf

  • Gebärden-Sprache,
  • Blindenschrift oder
  • eine Vorlese-Funktion.

Alle in der Ausstellung sollen Informationen mit schwerem Inhalt aus dem Ingenieurwesen leicht verstehen.

ITS / Bahnprojekt Stuttgart – Ulm / S21 (Photo by Thomas Niedermueller / www.niedermueller.de)

Das Konzept der Ausstellung berücksichtigt das Leseverhalten: Ein Großteil der Menschen wird in Zukunft Texte in Ausstellungen oder Museen lesen, wenn diese kurz und verständlich geschrieben sind.

Die Ausstellung, auf die ich mich beziehe, ist das an Pfingsten 2020 eröffnete Info-Turmforum Stuttgart für das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm. Der aus Containern bestehende Turm steht an Gleis 16 des (alten) Stuttgarter Hauptbahnhofs. Die Ausstellung bleibt, bis der neue Tiefbahnhof voraussichtlich in fünf Jahren fertig ist.

Originaltexte der Ausstellung von Einfacher Sprache Lichtjahre entfernt

Ich habe die Texte neu geschrieben. Aber ich hatte Vorlagen, an die ich mich zu halten hatte. Die waren zum Teil mehr als 20 Jahre alt. Ein Unterstützer-Verein für Stuttgart 21 eröffnete im Bahnhofsturm 1998 eine Informationsschau. Die anfänglichen Texte waren stark von Ingenieur-Sprache geprägt.

Für Laien sind die Text-Tafeln bis zur Schließung des Turms Ende 2019 in weiten Teilen unverständlich geblieben (siehe Beispielstexte). Die Ausstellung musste in ein Provisorium an der alten Bahnsteighalle umziehen, weil das historische Bahnhofsgebäude grundlegend umgebaut wird.

Obwohl ich als Journalist über die Tieferlegung des Bahnhofs schreibe, musste ich mich in die Originaltexte zum Teil zeitaufwendig einarbeiten: Sie waren mit Fachbegriffen gespickt, die nicht zu meinem Wortschatz gehörten.

Die von Naturwissenschaften geprägte Sprache umfasste

  • Eisenbahntechnik,
  • Brücken- und Tunnelbau (Bergbau),
  • Geologie,
  • Verkehrs- und Landschaftsplanung,
  • Stadtplanung und
  • Biologie.
ITS / Bahnprojekt Stuttgart – Ulm / S21 (Photo by Thomas Niedermueller / www.niedermueller.de)

Manche Fachbegriffe sind Erfindungen – aus Fach- wird Nischensprache

Ich musste für manchen Spezialbegriff im Internet nach einer Erklärung suchen. In der Mehrzahl fand ich keine Umschreibung, die mir weitergeholfen hätte. Autoren von Erklär-Texten machen den gravierenden Fehler, dass sie in ihren Erklärungen einen Haufen weiterer Fachbegriff verwenden.

Ein Fachbegriff wird mit Fachbegriffen erklärt. Das funktioniert nicht.

Ganz schlimm ist Wikipedia. Auch Bedienungs-Handbücher verfehlen wegen solcher Fehler ihren Nutzen.

Manchen gegoogelten Fachbegriff fand ich in Zusammenhang mit Stuttgart 21. Das bedeutet: Der Fachbegriff ist selbst in dem Spezialgebiet nicht verbreitet. Oder er ist eine Erfindung – speziell auf das Bahn-Projekt zugeschnitten. Das ist nicht Fach-, sondern Nischensprache. Wie soll ein Laie solche Begriffe verstehen?

Besonders übel: Fachbegriffe, die in schlecht geschriebenen Sätzen stecken

Fachbegriffe waren die eine Schwierigkeit. Der Umgang mit Satzbau und Grammatik die andere. Konstruktionen im Passiv und viel zu lange Sätze machten das Lesen und Verstehen schwierig.

Aufzählungen waren in zahllosen Nebensätzen in einen unüberschaubaren Satz gepackt. Das alles ist für eine Fachsprache nicht erforderlich. Aber Bandwurmsätze, die Fachbegriffe ummanteln, sind ein akzeptierter Ausdruck von Fachsprache. Wie mir ein Professor des Ingenieurswesen erst kürzlich bestätigte, wird in der Ausbildung das Thema Kommunikation mit der Öffentlichkeit sträflich vernachlässigt.

Ingenieure sind Gefangene ihrer Fachsprache – manche erkennen das nicht

Ingenieure sind fester Bestandteil von Projekten zur Bürgerbeteiligung. Auf das Gespräch mit Bürgern sind sie aber nicht vorbereitet. Ich behaupte: Bürgerbeteiligung endet häufig, wenn in Veranstaltungen Ingenieure ihre PowerPoint-Folien zeigen. Ihre Erläuterungstexte neben den aufgehängten Plänen lassen Bürger ratlos zurück. 

Einfache Sprache (barrierefreie Kommunikation) müsste offizieller Unterrichtsstoff werden.

Ingenieure sind harte Verfechter ihrer Fachsprache. Das merkte ich spätestens, als ich meine Texte für die Ausstellung zur Freigabe an den Auftraggeber zurückgab. Mit den vier Projekt-Partnern der Ausstellung war vereinbart worden, dass zumindest eine abgeschwächte Form der Einfachen Sprache erreicht werden soll.

Fachbegriffe sind zu vermeiden. Darin waren sich alle einig. 

Nun hatten die Fachleute meine Texte in der Hand. Einigen muss es wehgetan haben, als sie darin vergeblich „ihre“ Fachbegriffe suchten. Weil die Text-Freigabe aber von ihrer Zustimmung abhängig war, holten sie „ihre“ Fachbegriffe ohne Diskussionen darüber in den Text zurück.

ITS / Bahnprojekt Stuttgart – Ulm / S21 (Photo by Thomas Niedermueller / www.niedermueller.de)

Ingenieure tun sich schwer mit der Zielgruppe Besucher

Beispiel Überwerfungsbauwerk. Ein Klassiker, um die Distanz zwischen Fach- und Alltagssprache anschaulich zu machen. Ich schrieb Brücke. Ein Überwerfungsbauwerk ist im Kern nichts anderes als eine Brücke. Die Ingenieure wollten nicht akzeptieren, für wen die Texte gemacht sind. Die Besucher der Ausstellung sind normale Menschen. Es sind nicht Fachkollegen, die sich dort weiterbilden wollen.

Ein Ingenieur aus der Fachwelt könnte empört reagieren, weil das Wort Brücke nicht die komplette Bedeutung auffängt. Diese Vorstellung ist absurd. Aber das Überwerfungsbauwerk wanderte in den Text der Ausstellung zurück.

Ingenieure brauchen Hilfe, wenn sie fürs breite Publikum schreiben

Fach-Autoren weigern sich oder sind nicht in der Lage, für Zielgruppen außerhalb ihres Zirkels zu schreiben. Aus eigenem Antrieb schaffen sie keine Einfache (oder auch nur verständliche) Sprache. Sie bringen oftmals keine Toleranz auf, ihr Fachwissen von einem Experten für verständliches Schreiben zielgruppengerecht aufarbeiten zu lassen.

Wenn fachliche Genauigkeit vor Verständlichkeit geht, wird die Vorgabe verfehlt, Besucher optimal zu informieren.

Insgesamt sind die Texte zumindest in der Nähe der Zielmarke Einfache Sprache geblieben. Die Kuratoren haben in Rücksprachen mit den Projekt-Partnern eingesetzt. Danke dafür! Aber da es zahlreiche Ausrutscher in die Fachsprache gibt, sprechen die Macher der Ausstellung insgesamt von einer „verständlichen Sprache“.

ITS S21 (Photo: Thomas Niedermüller /www.niedermueller.de )

Begriff Einfache Sprache taucht nicht mehr auf – Problem mit dem Image

Das best-möglichen Ergebnis im Sinn von Einfacher Sprache ist verfehlt worden. Das ist nicht allein den Ausrutschern zurück zur Fachsprache geschuldet. Es lag auch am Begriff: Einfache Sprache wird mit Behinderten-Sprache in Verbindung gebracht. Sie hat ein Image-Problem. Ich verweise gerne auf Plain Language.

Im englisch-sprachigen Raum verwenden Unternehmen und Verwaltungen Einfache Sprache (nichts anderes bedeutet Plain Language), ohne dabei an lernbehinderte Menschen zu denken. Sie sehen vielmehr bei sich eine Bringschuld, ALLE Menschen verständlich zu informieren.

Die Verantwortlichen der Ausstellung haben ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben. Sie baten Professor Frank Bretschneider von der Universität Hohenheim meine Texte auf Verständlichkeit zu prüfen. Er verwendete dazu das Analyseprogramm TextLab, das an seinem Institut für Kommunikationswissenschaft mit-entwickelt wurde. Auch ich hatte zuvor mit TextLab geprüft. Der Hohenheimer Verständlichkeitsindex geht von 0 (ohne Verständlichkeit) bis 20 (sehr leicht verständlich).

ITS 2020 (Photo by Thomas Niedermueller / www.niedermueller.de)

Texte gelten nach wissenschaftlicher Prüfung als „formal sehr gut verständlich“

Die Originaltexte der Ausstellung lagen im Schnitt bei einem Indexwert zwischen 3 und 8 Indexpunkten. Ein Fachtext sollte bei 12 und ein Internet bei 16 Punkten liegen. Die alten Ausstellungstexte hätten nach diesen Ansprüchen nie an die Öffentlichkeit geraten dürfen. 17 bis 20 sind laut Definition Einfache/Leichte Sprache. 17 und höher waren angesichts der Ausgangslage kaum zu schaffen, die 16 aber schon. Meine Hauptarbeit lag neben der Vermeidung von Fachbegriffen im Wesentlichen darin:

  • Sätze auf eine tolerierbare Länge zu bringen;
  • zu viele Fakten in einem Satz auf mehrere Sätze aufzuteilen;
  • Wortschlangen zu knacken;
  • Passivkonstruktionen in Aktiv-Sätze zu bringen;
  • Den Satzbau übersichtlich zu machen (Subjekt an den Beginn des Satzes);
  • Überflüssiges in Sätzen zu entfernen, das nichts erklärt, sondern Sätze aufbläht und
  • Bürokratensprache (Wörter, die auf „ung“ oder „keit“) zu normalisieren.

Der Wissenschaftler bestätigte in seinem Gutachten, dass „die Texte damit als formal sehr gut verständlich gelten“ (das vollständige Gutachten als PDF).

Gerne können Sie mir mir Kontakt aufnehmen.

Veröffentlicht in Blog Fachtexte zur Einfachen Sprache

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