Einfache Sprache bewerten: Warum man sie dafür beherrschen muss

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Viele Erklär-Texte über Einfache Sprache und Leichte Sprache haben ein gemeinsames Problem:

Sie sind in schwerer Sprache geschrieben.

Besonders auffällig ist das, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – vor allem Linguisten – über Einfache oder Leichte Sprache urteilen, sie bewerten, einordnen oder kritisieren. Dann wird analysiert, klassifiziert und argumentiert – aber nicht in der Sprache, um die es eigentlich geht. Und nicht für die Zielgruppe, denen die Leichte und Einfache Sprache helfen soll.

Das ist kein Stilproblem.

Es ist ein grundsätzliches Problem der Kompetenz.

Wer für die Leichte oder Einfache Sprache plädiert in einem Text, den garantiert niemand aus der Zielgruppe versteht, bevormundet diese. Foglich: Wer über Leichte und Einfache Sprache schreibt, sollte diese auch beherrschen. Erklär-Texte in schwerer Sprache sind kontraproduktiv.

Siehe auch Wie viel Grammatik verträgt die Einfache Sprache?

Bewerten kann nur, wer beherrscht

In der Wissenschaft gilt ein einfacher Grundsatz:

Man kann nur seriös bewerten, was man selbst beherrscht.

Niemand würde akzeptieren, dass jemand über Französisch forscht, ohne Französisch zu können.

Niemand würde ernsthaft eine Studie über juristische Fachsprache schreiben, ohne juristische Texte lesen und verstehen zu können.

Warum sollte das bei Einfacher oder Leichter Sprache anders sein?

Einfache Sprache ist keine „verarmte Standardsprache“.
Sie ist eine funktionale Varietät mit eigenen Regeln, Zielen und Qualitätskriterien. Wer sie nur von außen betrachtet, sieht ihre Oberfläche – aber nicht ihre Struktur.

Siehe auch Wie viel Grammatik verträgt die Einfache Sprache?

Einfache Sprache ist schwer

Ein weit verbreiteter Irrtum lautet:
Einfache Sprache ist leicht.

Das Gegenteil ist richtig.

Wer versucht, komplexe Inhalte verständlich, präzise und adressatengerecht in Einfacher Sprache zu formulieren, merkt sehr schnell:

  • wie anspruchsvoll Reduktion ist
  • wie viel inhaltliche Klarheit sie verlangt
  • wie bewusst jede sprachliche Entscheidung getroffen werden muss

Erst beim Schreiben wird sichtbar, wie schmal der Grat zwischen Vereinfachung und Verfälschung wirklich ist.

Wer diese Erfahrung nicht gemacht hat, erkennt die Grenzen der Einfachen Sprache nicht – er setzt sie.

Theorie ohne Praxis bleibt abstrakt

Viele Kritiken an Einfacher oder Leichter Sprache drehen sich um bekannte Schlagworte:

  • „Verlust an Präzision“
  • „Niveauabsenkung“
  • „Infantilisierung“
  • „ungeeignet für Wissenschaft“

Diese Kritik entsteht häufig ohne eigene Schreibpraxis.
Sie bleibt auf der Metaebene und verkennt, dass Verständlichkeit kein Verzicht auf Inhalt, sondern eine andere Form der Strukturierung ist.

Ohne Praxis wird Einfache Sprache schnell mit „weniger Denken“ verwechselt.
In Wirklichkeit verlangt sie mehr Denken.

Siehe auch Einfache Sprache widerspricht nicht Niveau C1 und C2

DIN ISO 24495‑3 widerlegt zentrales Vorurteil

Ein besonders hartnäckiges Argument gegen Einfache Sprache lautet:
Für wissenschaftliche Inhalte taugt sie nicht.

Dieses Argument ist nicht mehr haltbar.

Mit der DIN ISO 24495‑3 – Plain Language / Einfache Sprache – Teil 3: Wissenschaftliches Schreiben liegt erstmals ein internationaler Standard vor, der ausdrücklich zeigt:

Wissenschaftliches Schreiben in Einfacher Sprache ist möglich – und sinnvoll.

Die Norm baut auf den Grundsätzen der ISO 24495‑1 auf und ergänzt sie gezielt um Leitlinien für das (populär-)wissenschaftliche Schreiben. Sie richtet sich an Menschen, die wissenschaftliche Inhalte für heterogene Zielgruppen aufbereiten – also genau dort, wo Verständlichkeit entscheidend ist.

Damit ist offiziell anerkannt:

  • Wissenschaftliche Inhalte können verständlich formuliert werden
  • Verständlichkeit steht nicht im Widerspruch zu Seriosität
  • Einfache Sprache ist anschlussfähig an wissenschaftliche Kommunikation

Die Frage ist also nicht mehr, ob das funktioniert.
Die Frage ist, wer es kann.

Siehe auch DIN ISO: Einfache Sprache für juristische Kommunikation

Wer nicht schreibt, erkennt Möglichkeiten und Grenzen nicht

Das gilt für Einfache Sprache genauso wie für Leichte Sprache:

Wer sie nicht beherrscht, erkennt weder ihre Möglichkeiten noch ihre Grenzen.

Grenzen werden dann nicht beobachtet, sondern behauptet.
Möglichkeiten werden nicht ausprobiert, sondern ausgeschlossen.

Erst wer selbst Texte geschrieben, überarbeitet, verworfen und neu aufgebaut hat, kann seriös sagen:

  • wo Vereinfachung trägt
  • wo sie problematisch wird
  • wo andere Strategien nötig sind

Alles andere ist Urteil ohne Erfahrung.

Plädoyer für mehr Praxis in der Kritik

Dieses Plädoyer richtet sich nicht gegen Wissenschaft.
Im Gegenteil: Es richtet sich an sie.

Wer Einfache oder Leichte Sprache bewertet,

  • sollte sie schreiben können
  • sollte ihre Regeln kennen
  • sollte ihre Wirkung erlebt haben

Nicht als Pflichtübung, sondern als Voraussetzung für eine fundierte Meinung.

Oder anders gesagt:

Wer Verständlichkeit bewertet, sollte verständlich schreiben.

Siehe auch Einfache Sprache vs. Leichte Sprache – Was ist der Unterschied?

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