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Leichte und Einfache Sprache zur Einfachen Sprache vereinen

Lesedauer 4 Minuten

Mein Appell löst sicher Kopfschütteln aus. Aber es drängt mich dazu: Es ist Zeit, Leichte und Einfache Sprache zu vereinen. Beide Sprachformen behindern sich gegenseitig. Das ist unnötiger Wettbewerb. Jede Sprachform für sich bleibt unter ihren Möglichkeiten. Leichte und Einfache Sprache zu fusionieren, das wäre ein echter Mehrwert. Eine Fusion macht den Weg frei, verständliche Sprache für eine breite Bevölkerung zu etablieren. Wer mich kennt, der oder die ahnt, dass ich für die Bezeichnung Einfache Sprache (Plain Language) plädiere. Nicht für Leichte Sprache.

Ich präsentiere in meinen Blogs regelmäßig Argumente für die Einfache Sprache und übe Kritik an der Leichten Sprache. Das heißt jedoch nicht, dass ich die üblichen Regelwerke der Leichten Sprache ablehne. Das ist keinesfalls so. Ich mag es nur nicht, dass sich Leichte Sprache über das Einhalten der Regeln definiert und nicht über kreatives Schreiben.

Siehe auch meine Angebote

Strenge Regeln sind der Leichten Sprache Tod

Anders geschrieben: Texter*innen/Übersetzer*innen, die eine der strengen Regeln ignorieren, können kein Ergebnis in Leichter Sprache erzielen. So lautet meines Erachtens die Logik der Verfechter*innen der Leichten Sprache. Die Einfache Sprache ist flexibler. Das ist ihr entscheidender Vorteil.

Ich plädiere für eine Fusion, weil beide Sprachformen der gleichen Grundregel folgen: Schreiben für die Zielgruppe – so verständlich wie möglich. Das heißt, Wer schreibt, der oder die konzentriert sich auf den Wortschatz der Zielgruppe, für die der Text bestimmt ist.

Einfache Sprache kann problemlos Leichte Sprache sein

Leichte Sprache setzt bei acht bis zehn Wörtern in einem Satz eine Zäsur. Nebensätze sind verboten. Die Einfache Sprache kann die Zahl verdoppeln und einen Nebensatz zulassen, ohne ihr Terrain zu verlassen.

Keine Regel hindert mich, einen Text zu schreiben, der ausschließlich aus Hauptsätzen besteht und im Schnitt mit weniger als zehn Wörtern pro Satz auskommt. Wenn es die Zielgruppe verlangt. Ich kann das Ergebnis ohne Abstriche als Einfache Sprache bezeichnen, auch wenn es dem Regelwerk der Leichten Sprache entspricht. Umgekehrt geht das nicht.

Uwe Roth ist Mitglied im Verein Deutsches Institut für Normung (DIN). Dort entstehen zwei Regelwerke: Eine DIN Spec 33429 Leichte Sprache sowie eine DIN 8581 Einfache Sprache. Uwe Roth arbeitet an beiden Regelwerken intensiv mit. Zusätzlich entsteht auf internationaler Ebene eine ISO 24495 Plain Language (Einfache Sprache). Diese wird in einer DIN umgesetzt. Uwe Roth ist dafür Projektverantwortlicher. Zu meinem Blog.

Einfache Sprache und Menschen mit kognitiver Einschränkung sind kein Widerspruch

Ich schreibe Texte für Menschen mit Lernschwierigkeiten und bezeichne das immer als Einfache Sprache. Niemanden stört das. Ich bestimme für mich, dass ich meine Texte in den Niveaustufen A1 bis B1/2 nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen anbiete. Verfechter der Regelwerke für Leichte Sprache lehnen den Vergleich mit dem Referenzrahmen ab. Warum eigentlich? Doch Laien bekommen so eine Vorstellung, worin sich Leichte und Einfache Sprache unterscheiden.

Die größte Senioren-, Jugend- und Behinderten-Einrichtung in meinem Landkreis gibt jährlich ein Mitteilungsheft heraus. Zum ersten Mal sind die wichtigsten Texte der Ausgabe 2021 zusätzlich in Einfacher Sprache ins Heft aufgenommen worden. Das Schreiben hatte ich übernommen. Ohne Gegenleser. Ich könnte mir vorstellen, dass das nächste oder übernächste Heft komplett in Einfacher Sprache sein wird.

Leichter Sprache sind enge Fesseln angelegt – das mag die Zukunft nicht

Der Leichten Sprache sind enge Fesseln angelegt. Sehr enge Fesseln, die Zukunft verhindern. Längere Sätze (mit Nebensatz) verlieren ihr Prädikat. Ich kann die enge Auslegung mancher Regel nicht nachvollziehen. Es wird oft so getan, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten eine homogene Gruppe sind.

  • Wie kommt die Sprachwissenschaft darauf, dass diese Personengruppe nicht mehr als acht Wörter in einem Satz versteht?
  • Wie erforscht sie so etwas?
  • Wie wählen Forscher*innen Probanden aus, deren Lesekompetenz exakt dem Durchschnitt ihrer Personengruppe entspricht?
  • Wie unterscheidet die Wissenschaft zwischen älteren Menschen mit kognitiver Einschränkung, die in früheren Jahrzehnten wenig Schulbildung genossen haben, und jüngeren Menschen? Sie werden mit zunehmender Inklusion schulisch intensiv betreut oder besuchen sogar die Grund- und Hauptschule. Früher fast undenkbar.
  • Können die Jungen nicht mehr als Leichte Sprache? Ja, sie können sogar Einfache Sprache.

Gegenleser haben keine Deutungshoheit über Leichte Sprache

Ich habe keine Ahnung und noch keine Erklärung gefunden, woher die Wissenschaft die Deutungshoheit über die Ausgestaltung der Leichten Sprache hat.

Auch die Übersetzenden, die mit Gegenlesern*innen arbeiten, erheben den gleichen Anspruch wie die Sprachwissenschaft. Gegenleser*innen sind Menschen aus der Zielgruppe, die eine entsprechende Ausbildung erhalten haben. Geben sie einen Text frei, soll dieser von den Lesenden verstanden werden. Davon sind die Gegenleser überzeugt. Aber wie kann das sein? Menschen mit Lernschwierigkeiten haben unterschiedliche kognitive Einschränkungen. Sie über einen Kamm zu scheren, ist nicht besonders inklusiv.

Siehe auch mein Angebot Lese-Stunde in Einfacher Sprache

Aus meiner Sicht ist Leichte Sprache nicht ausreichend modern. Der Begriff ist irgendwann geprägt worden, ohne gleichzeitig zu definieren, was Leichte Sprache überhaupt ist. Erst jetzt (2020/2021)ist man in Deutschland dabei, eine DIN-Empfehlung für die Leichte Sprache zu erstellen. Ich arbeite daran mit.

Bei DIN entsteht aktuell zusätzlich eine DIN für die Einfache Sprache. Auch daran bin ich intensiv beteiligt. Je länger die Arbeiten andauern, umso mehr komme ich zu der Überzeugung, dass zwei DIN auf Dauer eine zu viel ist. Ich kann nicht konkret werden, was mich zu dieser Meinung bringt. Denn was bei DIN passiert, darf ich nicht nach außen tragen. Also lasse ich es.

Siehe auch ISO und DIN 24495-1: Einfache Sprache zielt mit Norm auf Akzeptanz

ISO DIN Einfache Sprache könnte Zukunft dominieren

Die DIN Einfache Sprache ist veranlasst durch die geplante internationale ISO Plain Language. Diese soll noch in diesem Jahr in Genf verabschiedet werden. Ich kann nur hoffen, dass die ISO Zugkraft bekommt. Dann hat die DIN Einfache Sprache eine gute Chance, wichtig zu werden. In der Konsequenz bleibt die DIN Spec Leichte Sprache in einer winzigen Nische – Informationen zu liefern für Menschen mit Lernschwierigkeiten (der älteren Generation). Mehr nicht. Das kann und darf so nicht sein.

Einfache Sprache kann diesen Menschkreis einbeziehen, wie ich gezeigt habe. Sie ist zugleich in Bezug auf Lesekompetenz nach oben weitgehend offen. Sie ist gutes Deutsch.

Siehe Zukunftsagenda: Forderungen an die Politik in (fast) Einfacher Sprache

Einfache Sprache setzt kreative Schreiber und Schreiberinnen voraus und keine ausschließlichen Regelkenner. Wird Einfache Sprache in dieser Form akzeptiert, dann wird das Schreiben auch für Menschen attraktiv, die aus dem Journalismus, der PR und Werbung kommen.

Veröffentlicht in Akquise und Lobbyarbeit Blog

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