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Leichte Sprache: kurzer Satz, langer Text – das passt nicht zusammen

Lesedauer 4 Minuten

Lange Texte sind unvereinbar mit Leichter Sprache. Die Landesregierung Baden-Württemberg hat Erläuterungen zu Corona in Leichter Sprache veröffentlicht. 2600 Wörter. Eine Person aus der Zielgruppe braucht zum Lesen etwa eine Stunde. Leichte Sprache taugt für komplexe Inhalte nur eingeschränkt. Oder sogar gar nicht.

Leichte Sprache heißt: kein Satz darf länger als zehn Wörter sein. Manche sagen, es sollten sogar nicht mehr als acht kurze Wörter in einem Satz stehen. Dann gibt es in den verschiedenen nicht-autorisierten Regelwerken für die Leichte Sprache zudem die Vorgabe, keine Nebensätze zu verwenden. Maximal kurze Sätze und schlichter Wortschatz – so sollen Schlechtleser eigens für sie geschriebene Texte bewältigen können.

Die Übersetzenden halten sich (meistens) daran. Tatsächlich kommen die wenigsten ohne zumindest kurze Nebensätze aus. Der komplette Verzicht auf Nebensätze ist aus meiner Sicht sowieso nicht zielführend. Allein aus diesem Grund bin ich bei der Einfachen Sprache. Sie ist realitätsnaher. Ich wünsche mir, dass in der geplanten DIN SPEC 33429 Leichte Sprache dazu konkrete und nachvollziehbare Empfehlungen abgegeben werden.

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Inhalte mit viel Text haben eine düstere Zukunft – Lang-Leser werden weniger

Die auf internationale Ebene geplante ISO 24495 Plain Language sollte zur Problematik der Textlängen ebenfalls Stellung beziehen. Denn weltweit geht das Durchhaltevermögen fürs Lesen längerer Texte zurück. Wie oft höre ich von Vorgesetzten, Dozenten*innen etc., sie hätten sich das Schreiben längerer Mails abgewöhnt. Sie hatten frustriert festgestellt, dass lange Mails von den meistens jüngeren Leuten nicht zu Ende gelesen werden. So kämen Rückfragen, die im unteren Teil einer Mail längst beantwortet seien.

Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Wenn es um Standards/Empfehlungen auf der Ebene der Normung geht, darf der Aspekt zuträglicher Text-Längen nicht ignoriert werden – egal ob in der Leichten oder Einfachen Sprache (Plain Language).

Leichte und Einfache Sprache: Verständlichkeit hängt nicht nur von der Länge eines einzelnen Satzes ab, sondern ebenso von der Länge eines Textes. 

Dafür gibt es in den Regeln keine Vorgaben. Nur so vage wie, „der Text darf nicht zu lang sein.“ Aber was heißt das schon? Wie viele Zeilen halten Menschen mit Lernschwierigkeiten/geistiger Behinderung und geringem Konzentrationsvermögen beim Lesen durch? 20 Zeilen oder vielleicht sogar 200? Sechs Minuten oder sogar eine Stunde?

Diese Frage darf man mit wachsender Berechtigung auch in Bezug auf Normallesern stellen.

Hilfen für die Motivation zum Lesen längerer Texte

Nicht zufällig gibt es auf immer mehr Internetseiten mit ausgeprägtem Textinhalt  eine Angabe über die voraussichtliche Lesezeit. Das ist nicht nur ein Hinweis für zeitgeplagte Leser. Der Hinweis ist Einstiegshilfe für unwillige Leser: Die paar Minuten wirst du für den Text haben… Manchmal wird mit dem Scrollen der Seite die verbleibende Lesezeit angezeigt: Halte durch! Du schaffst das.

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Dabei stelle ich klar: Selbstverständlich gibt es noch sehr viele Menschen, die dicke Bücher lieben und mit Lässigkeit bewältigen. Daher wird es zurecht weiterhin lange Dokumente geben – auch mit in Fachsprache gehaltenen komplexen Inhalten.

Ich beobachte aber einen Trend: Die Schere zwischen Gut- und Schlechtleser öffnet sich immer weiter.

Texte im Internet in Leichter Sprache – Nutzer scrollen sich die Finger wund

Nach meiner Beobachtung sind Internettexte in Leichter Sprache in der Regel viel zu lang. Der einzelne Satz mag gut und sorgfältig nach den Regeln der Leichten Sprache geschrieben sein. Doch wenn der Auftraggebende den Autor*innen eine Textvorlage mit viel Inhalt vorgibt, wird es schwierig. Um nichts aus dem Ursprungstext wegzulassen, wird ein kurzer Satz an den anderen gereiht. Der Text wird länger und länger und länger. Der Nutzer einer solchen Seite in Leichter Sprache scrollt sich den Finger wund.

Ist das immer noch Leichte Sprache? Nein, Texte in Überlänge sind keine Leichte Sprache! Punkt.

Nicht umsonst nimmt in den geplanten DIN-Empfehlungen die korrekte Darstellung Texter in Leichter Sprache einen so großen Raum ein. Dass darin die Länge von Texten nicht ausreichend als Kriterium berücksichtigt wird, bedauere ich.

Corona-Textwüste aus 2600 Wörtern in offiziell Leichter Sprache? Das geht gar nicht

Ein Beispiel habe ich in einem meiner Blogs genannt: die Erklärseite der Stadt Stuttgart. Nun fand ich eine neue Textwüste: Die Erklärungen der Landesregierung Baden-Württemberg in Leichter Sprache.

Sie umfassen sagenhafte 2600 Wörter (18000 Zeichen) aneinandergereiht in 617 Zeilen. In Word verteilt sich der Text auf 26 Seiten (Arial 14 Pkt, 1,5 Zeilenabstand).

Bitte, wer liest das am Bildschirm? Zumal Menschen mit Lernschwierigkeiten/geistiger Behinderung nach meiner Erfahrung lediglich über ihr Smartphone Zugang ins Internet haben. Ich habe den Text nach ein paar Absätzen lediglich überflogen.

Ich kenne einige aus der Zielgruppe, die jeden einzelnen Satz verstehen. Aber keiner von ihnen hält diesen Lesemarathon durch. Abgesehen davon ist die Seite in Leichter Sprache im Internetauftritt des Sozialministeriums nur von einem Gutleser auffindbar.

Warum werden Textmonster unter dem Label Leichte Sprache ins Netz gestellt?

Doch warum wird ein solcher Text freigegeben und ins Internet gestellt? Warum hat niemand eine einfache Auffindbarkeit geachtet? Es geht aus meiner Sicht nicht konsequent um die Zielgruppe. Es geht vor allem darum, als gute Manager der Corona-Kommunikation dazustehen, die ein solches gut gemeintes Schriftstück für Menschen mit geistiger Behinderung der Öffentlichkeit präsentieren.

Ein oberster Grundsatz der Leichten Sprache ist: Beim Texten steht die Zielgruppe im Fokus. Doch die Corona-Erklärungen in Leichter Sprache beginnen mit einer Gender-Erklärung! Das ist genau das, was ein Mensch mit Lernschwierigkeit als wichtigste Information über Corona erwartet.

„Wir schreiben in der männlichen Form. Zum Beispiel schreiben wir: Bürger. Damit meinen wir Bürger und Bürgerinnen.“

Quelle: Sozialministerium Baden-Württemberg

Ein solcher Texteinstieg ist verwirrend und höchst wahrscheinlich ein Rausschmeißer. Das Sozialministerium hat eine Agentur in der Nähe von Stuttgart mit der Übersetzung beauftragt. Diese Agentur arbeitet meines Wissens nach mit Gegenlesern. Die haben ihre Aufgabe ganz sicher gut gemeistert. Sie sind im Vergleich zu ihrer Zielgruppe im Lesen routiniert und hatten zum Korrekturlesen wahrscheinlich alle Zeit, die sie benötigten.

Wie viel Zeit benötigt man, um als Schlechtleser 2600 Wörter am Stück zu bewältigen?

  • Sehr geübte Leser schaffen 400 Worte pro Minute (WpM),
  • Durchschnittsleser 200 bis 300 WpM.
  • Bei ungeübten Lesern geht man von 100 Wörtern WpM aus.

Das wären dann 26 Minuten – also fast eine halbe Stunde.

Die Zielgruppe für Leichte Sprache liest im Schnitt sicherlich langsamer – 50 Wörter pro Minute sind schon gut.

Ich kann also ohne Weiteres behaupten, für den Corona-Text der Landesregierung benötigt ein Leser aus der Zielgruppe etwa eine Stunde.

Leichte Sprache in einem sehr langen Text ist ein funktionsloses Produkt

Mir stellt sich die Frage, warum ein Übersetzungsbüro ein Produkt verkauft, das nicht funktionieren kann? Man dürfte es aus meiner Sicht nicht! Aufträge wider besseren Wissens zu erledigen, ist genau der Punkt, warum Leichte Sprache von Menschen nicht ernstgenommen wird, die keinen persönlichen Bezug zur Zielgruppe haben. Es geht ihnen nicht um die Zielgruppe, sondern lediglich um die Einhaltung beispielsweise einer Verwaltungsvorschrift.

Zugegeben, es ist schwierig, an diesem Punkt Verbesserungsvorschläge zu machen. Mehr Zwischenüberschriften sind besser, letztlich aber keine Lösung. Mehr Unterseiten, um Textblöcke übersichtlicher zu gestalten, erschweren wiederum die Navigation. Eventuell kommt man um die Erkenntnis nicht herum: Komplexe Inhalte lassen sich in Leichter Sprache kaum darstellen – unter Umständen sogar gar nicht.

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Veröffentlicht in Akquise und Lobbyarbeit Blog

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