Über den Autor: Uwe Roth ist Journalist und führender Experte in der Einfachen Sprache. Er arbeitet in den DIN-Gremien zur Leichten und Einfachen Sprache mit. Er gehört zu den Gründer*innen des DACH-Forums Einfache Sprache.
Moderne Schreibformen haben eines gemeinsam: Sie legen Wert auf Verständlichkeit. Und sie richten Texte gezielt auf eine bestimmte Zielgruppe aus. Ein Text soll nicht einfach „gut geschrieben“ sein. Er soll bei genau den Menschen ankommen, für die er gedacht ist.
Das jüngste Beispiel für diesen Trend heißt Sensitivity Reading. Der Begriff ist im deutschsprachigen Raum noch wenig bekannt. Deshalb lohnt sich ein Überblick.
Eine Klammer verbindet all diese Ansätze: die Einfache Sprache. Sie ist kein Konkurrenzmodell zu Sensitivity Reading oder ähnlichen Konzepten. Sie ist der übergeordnete Rahmen, der die dahinterliegenden Anforderungen bündelt und über verbindliche Normen absichert.
Was ist Sensitivity Reading?
Sensitivity Reading ist eine besondere Form der Textprüfung. Ein Sensitivity Reader liest ein Manuskript mit Blick auf eine bestimmte Frage: Enthält der Text stereotype, diskriminierende oder verletzende Darstellungen?
Das betrifft vor allem Bücher, in denen Autorinnen und Autoren über Lebenswelten schreiben, die sie selbst nicht teilen. Etwa über Menschen mit Behinderung, über andere Kulturen, über queere Identitäten. Sensitivity Reader bringen dafür oft eigene Erfahrung mit der jeweiligen Gruppe mit. Sie prüfen nicht auf Logikfehler oder falsche Fakten. Sie prüfen, ob eine Darstellung verletzt oder ausschließt – oft an Stellen, die der Autorin oder dem Autor selbst gar nicht auffallen.
Woher kommt der Begriff?
Sensitivity Reading stammt aus dem US-amerikanischen Verlagswesen. Bekannt wurde die Praxis vor allem durch die Autorin Justina Ireland. Sie stellte 2016 eine öffentliche Datenbank mit Sensitivity Readern zusammen, unter dem Namen „Writing in the Margins„. Auslöser war die Kritik an einem Jugendroman, dem stereotype „Weißer-Retter“-Erzählungen vorgeworfen wurden.
Der Begriff steht damit auch für eine größere Bewegung in der US-Verlagsbranche: mehr Vielfalt und mehr authentische Darstellung in Büchern zu erreichen. Seit einigen Jahren wird Sensitivity Reading auch in Deutschland angeboten, zum Beispiel über spezialisierte Netzwerke von freien Lektorinnen und Lektoren.
UX Writing: ein ähnliches Phänomen
Ein verwandtes Beispiel für diesen Trend ist UX Writing. Damit ist die Textarbeit in Software, Apps und auf Websites gemeint: Button-Beschriftungen, Fehlermeldungen, Formulartexte. Auch hier steht die Zielgruppe im Zentrum. Ein UX-Text muss in einem kurzen Moment verständlich sein, ohne Vorwissen, oft unter Zeitdruck. UX Writing und Sensitivity Reading kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Beide verfolgen aber dasselbe Grundprinzip: Ein Text ist erst dann gut, wenn er bei seiner Leserschaft wirklich ankommt.
Einfache Sprache als gemeinsame Klammer
Genau dieses Grundprinzip ist auch der Kern der internationalen Norm DIN ISO 24495-1 für Einfache Sprache. Sie legt fest: Ein Text ist erst dann gelungen, wenn er zu seiner Zielgruppe passt. Dafür braucht es Wissen über drei Dinge:
- Die Lese-Erwartung. Was erwartet die Zielgruppe von diesem Text?
- Den Wortschatz. Welche Wörter kennt sie – und welche nicht?
- Die Lese-Situation. Wann, wo und unter welchen Bedingungen liest sie?
Wer diese drei Punkte konsequent klärt, vermeidet damit auch viele Formulierungen, die verletzen oder ausschließen können. Eine echte Zielgruppen-Analyse deckt genau die blinden Flecken auf, die auch beim Sensitivity Reading im Mittelpunkt stehen.
Der Unterschied liegt in der Methode. Sensitivity Reading beruht auf der Einschätzung einzelner Fachpersonen. Einfache Sprache nach DIN ISO 24495-1 und der deutschen Anwendungsnorm DIN 8581-1 beruht auf einem internationalen Standard mit festen, überprüfbaren Kriterien. Das macht die Ergebnisse nachvollziehbar und begründbar – ein Vorteil überall dort, wo Texte gegenüber Auftraggebern, Gremien oder Öffentlichkeit gerechtfertigt werden müssen.
Fazit
Sensitivity Reading, UX Writing und Einfache Sprache sind keine drei getrennten Trends. Es sind drei Ausprägungen derselben Grundidee: Texte sollen für die Menschen gemacht sein, die sie lesen. Die Einfache Sprache liefert dafür die Klammer – mit einem normbasierten, überprüfbaren Vorgehen, das weit über einzelne Bücher oder Apps hinaus für jede Art von Text funktioniert.

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