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Wettbewerb um Leichte und Einfache Sprache wird schärfer

Lesedauer 5 Minuten

Der Wettbewerb um Leichte und Einfache Sprache wird schärfer. Prof. Dr. Christiane Maaß leitet die Forschungsstelle für Leichte Sprache an der Universität Hildesheim. In einem Interview mit dem SWR-Hörfunk beansprucht sie für ihr Fachgebiet die Deutungshoheit von Verständlichkeit. Dass derzeit Normen für beide Sprachformen entstehen, erwähnt sie mit keiner Silbe. Dabei versuchte sie anfänglich, bei DIN eine tragende Rolle einzunehmen.

Bisher war der Markt übersichtlich. Dieser bestand ausschließlich aus Übersetzer*innen für die Leichte Sprache. Nun entsteht Wettbewerb in Form von Texter*innen, die die Einfache Sprache oder Plain Language anbieten. Es ist eine internationale Bewegung.

Im Markt für Leichte Sprache reagieren die Akteur*innen darauf. Sie erweitern (stillschweigend) ihr Angebot an Dienstleistungen um die Einfache Sprache. Man möchte schließlich keine Markt-Anteile verlieren.

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Tatsächlich ist zu erwarten, dass künftig Aufträge sowohl für die Leichte als auch die Einfache Sprache vergeben werden. Allerdings wird die Leichte Sprache weiterhin einen Vorteil im Wettbewerb haben, weil der Begriff eingeführt ist. Zudem kennen Auftraggebenden von Textproduktionen meistens den Unterschied zwischen beiden Sprachformen nicht.

Leichte Sprache ist eine Marke – Einfache (noch) nicht

Ich biete meine Vorträge/Workshop unter dem Titel „Einfache Sprache“ an. Dennoch kommt es vor, dass im Ankündigungstext des Veranstalters die „leichte Sprache“ als mein Kursthema genannt wird. Oder ich werde mit den Worten begrüßt, ein ausgewiesener Experte für die Leichte Sprache zu sein. Am Ende bedankt man sich bei mir für die erkenntnisreichen Einblicke in die Leichte Sprache.

Wer sich überhaupt für dieses Thema interessiert, der oder die kennt eben den Begriff, der zuerst da war: die Leichte Sprache.

Trennschärfe zwischen Leichter und Einfacher Sprache wird verwischt

Auch Google kennt den Unterschied nicht. Wer „Einfache Sprache“ eingibt, erhält auch Ergebnisse zur Leichten Sprache. Oft steht Leichte Sprache sogar an der Spitze. In der Ergebnisliste geht es wild durcheinander. Eigentlich war die Absicht, mit einer DIN für die Leichten Sprache und einer eigenen für die Einfachen Sprache Klarheit zu schaffen und eine Trennung für beide Spracheformen zu schaffen. Davon bin ich ausgegangen.

Ich habe in beiden Redaktionskreisen für die sprachlichen Regelungen aktiv mitgearbeitet. Das war wirklich anstrengend. Folglich weiß ich, was in den Entwürfen steht. Leichte Sprache steht für Menschen mit kognitiver Einschränkung.

Die Einfache Sprache soll wiederum dazu dienen, Texte in einer besonders verständlichen Form zu formulieren.

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Nun beobachte ich, dass von Manchen diese Trennschärfte, die die beiden DINs liefern sollen,  überhaupt nicht erwünscht ist. Ob Prof. Dr. Christiane Maaß zu diesem Kreis gehört, weiß ich nicht.

Ist Einfache Sprache im Lager der Leichten Sprache unerwünscht?

Im Radiointerview mit dem SWR ließ die Wissenschaftlerin für Sprachen die geplanten DIN-Regeln völlig unerwähnt. Doch nicht nur das: Sie beschrieb die Leichte Sprache in einer Art und Weise, wie ich die Einfache Sprache beschreiben würde.

Zum Radio-Interview mit Prof. Maaß

Hätte Prof. Maaß nicht hin und wieder den Begriff Leichte Sprache in ihre Antworten auf die Frage des Hörfunkmoderators eingeflochten, wäre ich davon ausgegangen, dass sie zur Einfachen Sprache konvertiert ist.

Mit einer Regel-Ausnahme allerdings: Maaß betonte mehrmals, dass sich Nebensätze in der Leichten Sprache verbieten. Die Einfache Sprache verhindert dagegen Nebensätze nicht prinzipiell. Mehr als einer sollte es jedoch nicht sein.

Ich halte es für unmöglich, komplett auf Nebensätze zu verzichten, wenn der Inhalt einigermaßen anspruchsvoll ist.

Unterschiede werden verwischt statt betont

Maaß verzichtete zudem auf den entscheidenden Hinweis, dass Sätze in Leichter Sprache nicht mehr als zehn Wörter haben sollten. Bei Einfacher Sprache ist die doppelte Anzahl zulässig.

Die unterschiedlichen Satzlängen sind ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen Leichter und Einfacher Sprache. Wer dieses aufweicht, nimmt von der Trennungsschärfe viel weg und heizt den Wettbewerb um die Leichte und Einfache Sprache an. Absicht?

Ausnahmslos Hauptsätze mit maximal zehn Wörter, da muss man viele Sätze aneinanderreihen, um signifikante und nicht nur banale Inhalte zu transportieren. Texte werden so lang, dass Menschen mit kognitiver Einschränkung diese nicht beherrschen können. Aus dem Dilemma gibt es keinen Ausweg.

Moderator bekommt falschen Eindruck von Leichter Sprache

Überhaupt sagte Maaß erst auf Nachfrage, dass Leichte Sprache für einen besonderen Menschenkreis gedacht sei. Der erste Eindruck war anders: Der Moderator stellte die Einstiegsfrage, bei welcher Gelegenheit sie zuletzt Leichte Sprache (!) hätte gut gebrauchen können. Sie antwortete beim Lesen einer Bedienungsanleitung für einen Corona-Test.

Verstehe ich das richtig? Eine Wissenschaftlerin braucht Leichte Sprache, um den Corona-Test zu verstehen? Einfache Sprache hätte doch völlig ausgereicht, um für ausreichend Verständlichkeit zu sorgen.

Bereits in den ersten Minuten bekam der Moderator einen völlig falschen Eindruck von der Leichten Sprache. Ob das (ebenfalls) Absicht war? Aber es ist ein Zeichen, dass der Wettbewerb um die Leichte und Einfache Sprache wächst.

Mensch steht im Fokus nicht Ergebnisse der Forschung

Maaß hat anfänglich am Entwurf für eine DIN Leichte Sprache wesentlich mitgewirkt. Das macht sie inzwischen nicht mehr. Sie verließ das Konsortium bei DIN. Einen der möglichen Gründe verrät sie im Interview: Sie lehnt das Prinzip ab, fertige Texte generell Menschen mit kognitiver Einschränkung zur Prüfung vorzulegen.

Einrichtungen der Behindertenhilfe drängen mit Vehemenz darauf, die Einbindung von Prüfgruppen in der DIN zur einer „Vorschrift“ zu machen. Die Gegenlesenden entscheiden aus ihrer (persönlichen) Sicht, was verstehbar ist und was nicht. Sie sollen stellvertretend für ihre Zielgruppe stehen.

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Was sie aus meiner Sicht nicht unbedingt können. Auch aus meiner Überzeugung dürfen Prüfgruppen nicht zum Bestandteil der DIN werden. Doch meine Argumentation unterschiedet sich stark von der der Linguistin. Für mich steht (vor dem Texten) im Vordergrund zu wissen, für wen ich schreibe. Dabei differenziere ich. Niemand kann pauschal für die Menschen mit kognitiver Einschränkung schreiben. Allein innerhalb einer Einrichtung der Behindertenhilfe gibt es Gruppen mit unterschiedlichen Niveaus der kognitiven Einschränkung. Für wen genau prüfen die Gegenlesenden?

Sollen Prüfgruppen die DIN verstehen können?

Maaß pochte nicht nur bei DIN, sondern auch im Radiogespräch auf den wissenschaftlichen Ansatz. Aus ihrer Sicht scheint ein persönlicher Bezug zur Zielgruppe sowie eine besondere Kenntnis von ihr nicht notwendig zu sein. Für sie muss Verständlichkeit erforscht sein. Und sie besteht auf ihre Fachsprache als einzige Möglichkeit, ihre Forschung zu präsentieren.

Abstriche zu machen, das lehnt sie weitgehend ab, wie sie auch im Interview betonte. Auch Prüfgruppen sollen die DIN mit den vielen linguistischen Fachbegriffen offensichtlich nicht verstehen können/dürfen.

Siehe auch Schlagwort Maaß

Ich habe Frau Maaß vor einiger Zeit die Frage gestellt, wie sie Verständlichkeit erforscht, die jedem Menschen mit kognitiver Einschränkung gleichermaßen zugänglich ist. Ihre Antwort steht aus.

In meinen Lese-Stunden in Einfacher Sprache habe ich Menschen, die gar nicht lesen können, die etwas lesen können, und die Einfache Sprache locker lesen und verstehen. Sie alle gelten als kognitiv eingeschränkt und leben in der gleichen Einrichtung. Wen würde sich Frau Maaß für ihre Forschung herauspicken?

Texten statt Übersetzen

Maaß spricht nicht von Autor*innen, sondern von Übersetzende in die Leichte Sprache. Übersetzer*innen arbeiten einen Originaltext Zeile für Zeile ab. Sie haben aus meiner Sicht keinen kreativen/redaktionellen Auftrag, was den Aufbau/die Struktur eines Dokumentes betrifft. Das führt zu absurden Übersetzungen. Texte, die im Original beispielsweise mit einer Gender-Erklärung beginnen, tun dies auch in der Übersetzung. Damit können Menschen mit kognitiver Einschränkung nichts anfangen. Die Gender-Erklärung hat mit dem eigentlichen Thema, das sie im Text erwarten, nichts zu tun.

Maaß hat das DIN-Gremium Leichte Sprache verlassen. Sie ist aber weiterhin passives Mitglied in der DIN Einfachen Sprache. Sie hätte folglich einiges dazu im Interview sagen können. Das aber hat sie nicht gemacht.

Der Moderator stellte ihr relativ am Anfang die Frage, worin sich Einfache Sprache von der Leichten unterscheide. Sie antwortet vage, dass diese Überarbeitungen fachsprachliche Texten in die Nähe der Alltagssprache seien. Mehr sagt sie dazu nicht. Es ist offensichtlich nicht ihr Forschungsgebiet. Da sie die Entstehung der ISO Plain Language begleitet hat, müsste sie wissen, dass die Lese-Erwartung an erster Stelle steht und nicht die wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Fazit

Die beiden DIN-Regelwerke noch nicht fertig. Aber schon nimmt der Wettbewerb um Leichte und Einfache Sprache an Schärfe zu. die Verteilungskämpfe haben begonnen. Es muss dringend mehr Aufklärungsarbeit stattfinden. Für wen ist die Leichte Sprache? Für wen die Einfache Sprache? Ansonsten enden Leichte und Einfache Sprache im Einheitsbrei, um im Markt möglichst breit aufgestellt zu sein.

Das Problem sind nicht die Anbietenden dieser Dienstleistungen, sondern die fehlenden Auftraggeber*innen. Der Bedarf ist so groß, dass für jeden genügend Aufträge vorhanden sein müssten.

Mancher potenzieller Anwender von Einfacher Sprache windet sich und bevorzugt den Begriff „bürgerfreundliche Sprache“. Dahinter steckt nichts anderes als Abwehr, sich mit etwas Neuem auseinandersetzen zu müssen. Was „bürgerfreundliche Sprache“ ist, das bestimmt jede Verwaltung für sich individuell. Sich an einer Norm zu orientieren, wird als aufwendig und nervig empfunden. Solche individuellen Versuche, Bürokratensprache in bürgerfreundliche Sprache umzuwandeln, scheitern in der Regel. Kreative und schreibbegabte Verwaltungsmenschen sind eher die Ausnahme. Ein festes Regelwerk ist hilfreich. Die Erkenntnis muss sich aber erst noch durchsetzen.

Ich bleibe bei meiner Behauptung, dass in der öffentlichen Kommunikation Einfache Sprache allen Menschen hilft, Dinge zu verstehen. Gerade unter der Annahme, dass die Lesekompetenz und Konzentrationsfähigkeit zum Lesen komplexer Texte allgemein weiter sinken wird.

Veröffentlicht in Akquise und Lobbyarbeit Blog Fachtexte zur Einfachen Sprache

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