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Gender-Sprache, nicht binär und der Deutsche Buchpreis

Lesedauer 3 Minuten

Ein Roman mit Anspruch auf nicht-binäre Sprache erhält die höchste Auszeichnung in der deutsch-sprachigen Literatur. Beziehungsweise hat die Jury des Deutschen Buchpreises mit Kim de l‘Horizon erstmals eine non-binäre Person geehrt. Für mich steht die Auszeichnung im Zusammenhang mit Leichter und Einfacher Sprache.

Gender-Formen, die in der Leichten und Einfachen Sprache üblich sind, decken die Ansprache von Menschen nicht ab, die sich weder als Mann noch als Frau sehen. Mit *innen oder :innen wird ein Wort um die weibliche Form erweitert und nicht um eine Geschlechterform irgendwo dazwischen. Und *innen oder :innen spricht erst recht nicht die Leute an, die sich eine Geschlechter-Form verbitten.

Da besteht eine Lücke. Ich halte diese in der Anrede für nicht zeitgemäß. Doch in meinem Fachkreis stehe ich damit ziemlich allein. Nicht zuletzt deswegen, weil einige im Fachkreis trotz der fortgeschrittenen Diskussion das Gendern komplett ablehnen und nur die männliche Form in den Texten sehen wollen. Ob der sprachlichen Verständlichkeit wegen oder aus Prinzip, das beurteile ich nicht (zumindest nicht an dieser Stelle). Eine etwas umfassendere Betrachtung des Genderns in Leichter und Einfacher Sprache habe ich auf der Internetseite geschlechtergerechtejugendhilfe.de gefunden.

Gender-Sprache wird Form für Nicht-Binäre finden

Ob die Literatur-Sprache von Kim de l‘Horizon Ansätze für „neutrales“ Gendern liefert, weiß ich nicht. Die Faszination der Jury hat mich beim ersten Querlesen nicht erfasst. Er/sie verwendet häufig „es“, mixt männliche und weibliche Formen. Macht mal was, was typischerweise Frauen tun und umgekehrt. Was aus seinem Buch in der Gender-Diskussion hängenbleiben wird, wer weiß das schon.

Wie das alles umfassende Gendern am Ende aussehen wird, weiß ich nicht. Aber es wird einen Weg dorthin geben, den Jüngere ebnen werden. Nicht wir älteren Erwachsenen. In einigen Generationen werden sich junge Menschen darüber wundern, wie man einst darüber derart hat streiten können.

Gender-Willige müssen Grenzen der Verständlichkeit akzeptieren

Meine aktuelle Position ist klar: Gendern passt nicht zur Leichten Sprache. Die Formen des Genderns passen nur zum Teil in die Einfache Sprache. Das bringe ich in meinen Blogs regelmäßig zum Ausdruck. Dabei kann ich Kolleg*innen flüssig und hörbar aussprechen. Das halte ich für selbstverständlich. Doch die Gender-Willigen müssen Grenzen der Verständlichkeit respektieren.

Mein Beitrag „Gender und Einfache Sprache geht eigentlich nicht“ gehört zu den Inhalten mit den meisten Klicks auf meiner Webseite. Ich habe diesen vor fast vier Jahren geschrieben. Bei Google ist er auf dem dritten Platz gelistet. In Texten der Leichten und Einfachen Sprache zu gendern, ist durchaus umstritten. Doch in der Abwägung, verständlich oder gender-gerecht zu sein, überwiegen oftmals letztere Schreibweisen. Davon gibt es inzwischen einige ganz unterschiedliche.

Gender-Sprache ist nicht reif für eine DIN

Das letzte Wort zum Thema Gendern ist weder gesprochen noch geschrieben. Wer gegenwärtig Regeln zum Gendern verfasst, muss sich darüber im Klaren sein, dass er/sie damit den aktuellen Stand der Diskussion in der Gesellschaft widergibt. Nicht mehr und nicht weniger.

Beim Deutschen Institut für Normung (DIN) werden aktuell ein Regelwerk für die Leichte und eines für die Einfache Sprache/Plain Language entwickelt. In beiden Redaktionskreisen bin ich Mitglied. Das ist kein Geheimnis mehr. Die Nachricht, dass eine Person mit einem „nicht binären“ Roman den Deutschen Buchpreis erhält, also die höchste Literaturauszeichnung, hat mich veranlasst, erneut die geplanten Regeln fürs gendergerechten Schreiben in Leichte Sprache zu kritisieren.

Uwe Roth ist Mitglied im Verein Deutsches Institut für Normung (DIN). Dort entstehen zwei Regelwerke: Eine DIN Spec 33429 Leichte Sprache sowie eine DIN 8581 Einfache Sprache. Uwe Roth arbeitet an beiden Regelwerken intensiv mit. Zusätzlich entsteht auf internationaler Ebene eine ISO 24495 Plain Language (Einfache Sprache). Diese wird in einer DIN umgesetzt. Uwe Roth ist dafür Projektverantwortlicher. Zu meinem Blog.

Brauchen Menschen mit kognitiver Einschränkung eine Gender-Sprache?

Meine Frau ist als sexualpädagogische Beraterin in vielen Einrichtungen der Behindertenhilfe unterwegs. Sie beobachtet, dass die wenigsten Menschen mit einer kognitiven Einschränkung ein streng getrenntes Männer-Frauen-Bild haben. Gelebte Bi-Sexualität sei etwas völlig Normales, stellt sie immer wieder fest. Wir haben uns überlegt, ob dieser Menschenkreis von ihrer Anlage grundsätzlich zum Kreis der Nicht-Binären neigt. Würden sie nicht geschlechter-spezifisch erzogen, würden sie vielleicht völlig anders auftreten. Das ist nur eine Theorie. Wir haben nur eine Vermutung, keine konkreten Belege.

Außerdem, sagt sie, könnten die wenigsten Gendersprache lesen und verstehen. Menschen, die etwas Lesekompetenz haben, seien in der Regel auf einem kognitiven Stand von unter zehn Jahren. Meine Frau setzt sich in der Behindertenhilfe sehr für Gendergerechtigkeit ein. Das steht außer Frage. Doch, so bekräftigt sie in Übereinstimmung mit meinen Beobachtungen, müsse man auch Grenzen des Verstehens akzeptieren.

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