Zum Inhalt springen →

Weihnachtsgeschichte 2020 Einfacher Sprache

„Der Link zum großen Weihnachtsfest“

von Uwe Roth, Dezember 2020

Ich habe diese Geschichte im Dezember 2020 geschrieben. Einfache Sprache bedeutet nicht, dass sich der Text ausschließlich an Menschen mit Lernschwierigkeiten/geistiger Behinderung richtet.

Ich habe die Weihnachtgeschichte für alle geschrieben. Sie eignet sich sehr gut zum Vorlesen. In der Vorweihnachtzeit las ich online (Zoom) einmal in der Woche 45 Minuten Bewohnern des BHZ Stuttgart aus einem Buch in Einfacher Sprache vor. Zugehört haben auch Menschen mit Migrationshintergrund.

Weil ich für die letzte Lese-Stunde vor dem Weihnachtfest keine geeignete Geschichte hatte, schrieb ich selbst eine. Wie mir versichert wurde, ist „Der Link zum großen Weihnachtsfest“ sehr gut angekommen und vor allem gut verstanden worden. Mit meiner Lese-Stunde bin ich buchbar. Ich bitte, das Copyright zu beachten!

Die Personen:

Anna, 28, lustig, denkt nicht lange nach, redet viel, ist aber wenig zuverlässig. Sie ist immer in ihrer eigenen Welt. Vor lauter Quatsch machen, vergisst sie manchmal ihre Aufgaben. Aber sie lässt sich leicht mitreißen.

Ines, 30, ist die größere Schwester von Anna. Sie kümmert sich gerne. Für das große Problem in der Geschichte weiß sie eine geniale Lösung.

Malik, 35, ist eher schüchtern, muslimischen Glaubens. Manchmal fühlt er sich fremd. Seine Freunde müssen ihm immer wieder versichern, dass ihn alle mögen. Weihnachten ist logischerweise nicht so sein Ding.

Felix, 32, ist als Mann ein richtiger Brummbär. Seine Augen sind grundsätzlich nach unten gerichtet. Aber was man ihm sagt, tut er. Auf Weihnachten kann er verzichten. Nicht aber auf Geschenke.

Sofia, 40, fühlt sich als Älteste für alles verantwortlich. Damit nervt sie die Mitbewohner. Insgeheim wissen alle, ohne ihren Sinn für Ordnung bricht das Chaos aus.

Szene 1

Anna stellt die Leute ihrer WeGee vor

Anna ist 28 Jahre alt. Sie lebt mit drei Menschen in einer Wohngemeinschaft. Sie sagt, „in meiner WeGee“. Da ist zum einen ihr Mitbewohner Malik. Der hat sein Zimmer direkt neben ihr. Am Anfang war sie in ihn verliebt. Jetzt nicht mehr. Der Mann mit dem türkischen Vornamen ist 35 Jahre alt und eher schüchtern. Malik schaut lieber schweigend zu, als selbst etwas zu unternehmen. Das findet Anna langweilig.

Er ist mit seiner langsamen Art das Gegenteil von ihr. Die junge Frau ist immer vergnügt, quirlig. Sie redet viel. Oft spricht sie nur, weil ihr das Ruhigsein schwerfällt. So beschreibt sie sich selbst. „Sobald ich den Mund aufmache, purzeln Sätze von allein heraus“, entschuldigt sie sich. Anna weiß, dass sie mit ihrem ständigen Geplapper den anderen auf die Nerven geht. Aber die können gut damit umgehen.

In ihrer Nähe ist, immer etwas geboten. Langeweile gibt es nicht. Wer schlechte Laune hat, der geht zur Anna. Da ist ein Lachen garantiert. Und Lachen tut gut.

Man kann mit traurigen Sachen zu Anna gehen. Jeder erzählt ihr seine Sorgen. Das geht bei ihr auch. Nicht nur das Lachen. Ob sie aber wirklich zuhört, weiß man zwar nicht. Aber sie strahlt so aufmunternd und liebenswert. Anna gibt keine guten Ratschläge. Trotzdem geht es einem besser, wenn man sich bei Anna seine Sorgen von der Seele geredet hat. Deswegen mögen alle Anna.

Zur Wohngemeinschaft gehört auch Felix. Sie nennen den 32-Jährigen Brummbär. Aber nur wenn er weg ist und dies nicht hören kann. Felix brummt wie ein Bär, weil er zu faul zum Reden ist.

Er sieht mit seinen 1,90 Meter ein wenig wie ein Bär aus. Er passt gerade so durch die Türe, ohne den Kopf einziehen zu müssen. Felix ist trotz seiner Größe ein wenig zu schwer. Er isst alles, was man nur essen kann. Alle sehen das an seinem Bauch. Der wird immer dicker.

Wenn Felix, der Brummbär, hungrig ist, sollte man ihn bloß nicht ärgern. Sein Brummen klingt dann wie ein Donner. „Lasst mich bloß in Ruh‘, sonst könnt ihr euer blaues Wunder erleben“, droht er dann mit einer Donner-Groll-Stimme.

Die wird von Wort zu Wort immer lauter. Das kann einem schon ein bisschen Angst machen. Obwohl er selber nicht sagen kann, was ein blaues Wunder sein könnte. Das sagt man halt so. Ist Felix aber satt, hockt er friedlich in seiner Ecke. Den Kopf hat er immer gesenkt. Felix mag es nicht, wenn man ihn anspricht. Er findet es anstrengend, jemandem in die Augen zu schauen.

Sofia kann am besten mit Felix umgehen. Sofia ist bereits 40 Jahre alt. Da hat sie viel Erfahrung im Umgang mit Menschen. Als Älteste in der Wohngemeinschaft muss sie sich um alles kümmern. Das glaubt sie zumindest.

Die anderen Drei in der WeGee sehen das allerdings nicht so. Aus ihrer Sicht mischt sich Sofia in alles ein. Sie ist eine Spaßbremse, denken sie. Immer gibt sie das Kommando. Sie sagt, was in der WeGee gemacht werden muss. Wer dran ist mit dem Kloputzen. Wer vergessen hat, abends das Licht auszumachen oder wer vergessen hat, die Klobrillen runterzumachen. Verdammt-noch-mal.

„Ja, WeGee-Mama. Machen wir“, sagen die anderen dann. Dabei grinsen sie frech. Sie nehmen Sofia mit ihren 40 Jahren nicht so ernst. Doch am Ende tun Anna, Malik und Felix brav das, was Sofia sagt. Sie hat einen großen Busen. Der flößt ihnen Respekt ein. Weil sie älter ist und so einen großen Busen hat, wirkt die 40-Jährige tatsächlich ein bisschen wie eine Mutter.

Sofia weiß schon, dass WeGee-Mama nicht so lieb gemeint ist. Sofia genießt ein wenig die Mutter-Rolle in der WeGee. Gerne hätte sie eigene Kinder gehabt. Sie fühlt sich mit 40 aber zu alt dafür. Und woher einen Mann zum Kinderkriegen nehmen und nicht stehlen?

Die Vier passen gut zusammen. Obwohl sie so unterschiedlich sind.

Szene 2

Anna ist entsetzt: Weihnachten fällt aus!

Seit fünf Jahren wohnen die Vier zusammen. Es geht wieder einmal auf Weihnachten zu. Die WeGee-Bewohner sitzen in der Küche am großen Esstisch. Draußen ist es dunkel und nass. Drei der vier Kerzen am Adventskranz brennen bereits. Sofia hat Gutsle gebacken. Sie hat einen Teller voll auf den Tisch gestellt – aber weit weg von Brummbär-Felix. Nur so haben die anderen eine Chance, etwas von dem Weihnachtsgebäck abzubekommen.

Eine Woche noch, dann ist Heiligabend. Anna erzählt pausenlos, wie sie sich auf Weihnachten freut. „Ich wünsch‘ mir ein Smartphone. Meins ist mir doch ins Klo gefallen. Seitdem kann ich keine Fotos mehr machen. Und ihr wisst doch, wie gern ich Selfies mache.“ Sie redet und redet. „An Heiligabend sehe ich Oma und Opa. Die wohnen im Altenheim. Zur Bescherung sind sie aber bei uns. Bei mir, meiner Schwester, Mama und Papa. Da freue ich mich riesig.“ Sie muss sich noch eine Fahrkarte für den Zug besorgen, überlegt sie und will wissen, was die anderen über Weihnachten so vorhaben.

Die anderen verstehen ihre Freude überhaupt nicht. Sie starren ihre Mitbewohnerin an. Als ob Anna chinesisch spricht. „Guck doch mal, was auf dem Tisch liegt“, brummt Felix mit gebeugtem Kopf und zeigt auf eine Mund-Nasen-Maske. Die hat einer zum Ärger der reinlichen Sofia achtlos dort liegengelassen.

„Das mit dem Reisen kannst du vergessen, Anna“, klärt die WeGee-Mama auf. „Die Regierung hat verboten, dass sich viele Menschen an Weihnachten treffen.“ Das sei zu gefährlich, sagt die Regierung. Besonders für alte Menschen. Um die zu schützen, sollen alle getrennt feiern.

Anna wird so langsam klar, was die Corona-Regeln für Besuche bedeuten. Anna ist erst eine Weile traurig und dann schlecht gelaunt. Sehr schlecht gelaunt. Die Lichter der Adventskerzen flackern. So laut ist Anna geworden. Weil sie mit ihrer Art für die Stimmung in der WeGee zuständig ist, herrscht am Küchentisch insgesamt schlechte Stimmung.

Bei Malik weiß man allerdings nie, ob er gute oder schlechte Laune hat. Eine Laune zu zeigen, dafür ist er zu schüchtern. Jetzt sagt er aber was und bringt damit alle zum Staunen. „Ich finde das gar nicht schlimm so ohne Weinachten.“ Malik sagt, er ist Muslim und kein Christ.

Seine Großeltern sind vor vielen Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Die Eltern von Malik leben wie Deutsche. Sie haben den muslimischen Glauben aber beibehalten. Ihre Religion ist der Islam. Ihren Sohn Malik haben sie nicht in den evangelischen oder katholischen Schulunterricht geschickt.

Malik kann mit dem Christkind deswegen nichts anfangen. Warum neben dem Christkind ein Weihnachtsbaum stehen muss, ist ihm auch ein Rätsel. Dann sagt er zu den anderen am Küchentisch. „Mir ist das Opferfest viel wichtiger als euer Weihnachtsfest. Aber das interessiert euch nie. Ihr könnt das Opferfest doch auch mal mitfeiern. Das ist nicht im Winter, sondern im Sommer. Da ist es schön warm. Man kann draußen feiern. Weihnachten heißt für mich frieren.“

Die anderen gucken erstaunt. Darüber haben sie nie nachgedacht. Weihnachten im Dezember ist so logisch und das wichtigste Fest im Jahr. Malik spricht nicht nur Deutsch, sondern auch Türkisch. Das ist ihnen aufgefallen. Ihnen ist aber nicht klar, dass eine fremde Sprache mit Gott und Kirche zu tun haben kann.

Hin und wieder gehen Anna und Sofia außer an Heiligabend in einen Gottesdienst. Felix ist selten in der Kirche mit dabei. Malik geht nie mit. Das findet aber keiner schlimm. Jeder so, wie er mag. Sofia hat ihn mal gefragt, ob er an Gott glaubt. Malik hat fast empört geantwortet: „Klar, glaube ich an Gott. Es gibt doch nur den einen Gott.“

Sofia ist katholisch. Sie war überzeugt, sie reden vom gleichen Gott. Aber es scheint doch anders zu sein: Sie besucht ihren Gott in einer Kirche. Malik besucht seinen in einer Moschee. Er geht dort freitags manchmal hin.

Sofia bläst die Kerzen am Adventskranz aus. Sie schaut in die Runde: „Es ist Zeit, ins Bett zu gehen.“ Dabei ist es erst kurz nach acht Uhr. Felix brummt irgendwas. Schwerfällig steht er von seinem Stuhl auf. Dabei knallt er mit seinem Kopf gegen die Hängelampe. Mindestens einmal in der Woche vergisst er, wie groß er eigentlich ist.

Malik ist zu schüchtern, um Sofia zu widersprechen. Er huscht fast wie ein Gespenst aus der Küche. In seinem Zimmer denkt er darüber nach, warum Christen um das Jesuskind so ein Theater machen.

Anna freut sich auf ihr Zimmer. Sie will ihre Freundin anrufen und mit ihr quatschen. Das kann Stunden dauern.

Sofia schaut in der Küche, ob alles ausgeschaltet ist. Mit Ausnahme des Kühlschranks. Sie guckt in der Toilette, ob die Klobrille unten ist. Dann geht auch sie in ihr Zimmer.

Szene 3

Anna telefoniert mit ihrer Schwester Ines

Anna telefoniert mit ihrer großen Schwester. Ines macht ihr endgültig klar, dass sich die Familie an Heiligabend nicht treffen kann. Die Eltern sind über 70 Jahre alt. Und Oma und Opa sind noch sehr viel älter. Da muss jeder wegen dem Corona-Virus sehr vorsichtig sein. Das erklärt Ines der Anna, die an ihrem Smartphone völlig still geworden ist.

Die Schwester verspricht, alles im nächsten Jahr nachzuholen. Wenn der Virus keine Gefahr mehr ist. Selbstverständlich gibt es bei dem Treffen nach Corona die von allen geliebten Würstchen mit einer riesigen Portion Kartoffelsalat für jeden. Es wird alles so, wie vor Corona sein. Daran glaubt die große Schwester Ines fest.

Anna fängt trotz des Versprechens an zu quengeln. Ines hat das nicht anders erwartet. Sie kennt ihre kleine Schwester. Die kann stur sein wie fünf sture Esel. Aber es hilft nichts, Weihnachten bei den Eltern zusammen mit den Großeltern wird dieses Jahr ausfallen.

Szene 4

Anna bringt ihre WeGee wegen Weihnachten ins Grübeln 

Anna erzählt von dem Telefonat mit ihrer Schwester. Anna ist wütend. Dabei hat Ines keine Schuld, dass Weihnachten ausfällt. Ihr drei Mitbewohner hören geduldig zu. Sie wissen, es bringt nichts, Anna zu stoppen. Ihr ins Wort zu fallen, das macht sie nur noch wütender.

Sofia hat einen Gedankenblitz. Sie fragt: „Ausfallen lassen… Warum soll Weihnachten ausfallen? Nur weil man die Familie nicht treffen kann? Weihnachten findet doch im Kopf statt – nicht an einem bestimmten Ort.“

Anna wird ruhig und nachdenklich. Alle haben jetzt ihre Zweifel: Warum ist Weihnachten so wichtig? Warum ist es denn unbedingt notwendig, die Familie genau an diesen Tagen zu treffen?

Unerwartet sagt sogar der brummige Felix was: „Also ich freu‘ mich nur auf die Geschenke. Alles andere ist zu viel Stress. Die ganze Familie und so. Jeder fragt mich was. Ich weiß nie, was ich sagen soll. Also, ich kann auf Weihnachten locker verzichten. In meinem Zimmer geht es mir gut, auch wenn ich allein bin.“ Darauf wissen die anderen nichts zu sagen.

Brummbär Felix ist nun mal am liebsten in seiner WeGee-Höhle. Müsste er nicht arbeiten, würde er in dieser Jahreszeit dort seinen Winterschlaf machen.

Sofia meint mal wieder, sie muss als WeGee-Mama für alle sprechen: „Schluss jetzt mit der Diskussion. Wenn es Corona nicht gibt, kann man sich doch jederzeit sehen und in den Arm nehmen. Das muss doch nicht jedes Jahr der 24. Dezember sein. Oder die beiden Weihnachstage nach Heiligabend.“

Anna lässt das nicht gelten. „Es ist was anderes, wenn ich meiner Mama am 24. August ein Weihnachtsgeschenk mache. Wenn ich im Sommer mit ihr Weihnachtslieder singe.“

Sofia steht wie eine Lehrerin vor den anderen. „Dann erklärt ihr mal, was am Heiligabend besonders ist.“

Felix ist zwar kein Fan von Weihnachten. Trotzdem kennt er die Bibel. Es brummt was von Jesus Christus, der an Heiligabend von Mutter Maria geboren wurde. Er ist der Sohn Gottes. Seine Geburt in Bethlehem feiern alle. Anna und Sofia nicken. Genauso sehen sie das auch.

Malik ist kein Christ, sondern Muslime. Er widerspricht heftig: „Jesus ist nicht der Sohn Gottes. Jesus ist ein ganz normaler Mensch. Aber ein sehr besonderer Mensch. Ein Prophet.“

Felix kann mit dem Wort Prophet nichts anfangen. Deshalb fragt er Malik: „Was ist denn ein Prophet? Ein Pfarrer, oder was?“ Malik antwortet schnell: „Nein, doch kein Pfarrer. Der heißt bei uns Imam. Er betet in der Moschee vor. So heißt bei uns die Kirche. Ein Prophet ist…“

Malik wird still. Er muss nachdenken. Er braucht Zeit. Er denkt nach und denkt nach. Felix brummt ungeduldig. Immer lauter. Malik denkt weiter nach. Anna fragt Sofia: „Heißt nicht so dein Papa?“ Sofia tippt mit ihrem Zeigefinger ein paar Mal auf die Stirn von Anna. Dann sagt sie unfreundlich: „Bist du blöd. Mein Vater heißt Manfred, doch nicht Prophet, du Dumme.“

Alle lachen. Anna wird rot im Gesicht. Das ist jetzt peinlich. Malik bekommt das alles nicht mit. Er grübelt. Mit einem Mal sagt er: „Ein Prophet kann mit Gott direkt reden. Das kann ein normaler Mensch nicht, Gott hören. Gott sagt zum Prophet, was die Menschen machen sollen. Der Prophet sagt dem Gott, wer nicht gut ist auf der Erde. Der wird dann von Gott bestraft. Oder so.“ Malik ist nicht sicher, ob ihn alle verstanden haben. Es ist kompliziert.

Felix sagt mit seiner tiefen Stimme: „Dann bin ich genauso ein Prophet, wie Malik sagt. Jeden Abend vor dem Schlafengehen rede ich ganz lange mit Gott. Manchmal auch richtig streng. Wenn mich am Tag etwas geärgert hat. Und wer böse zu mir ist, den soll Gott in die Hölle schicken.“ Felix schaut die ganze Zeit auf den Tisch. Sein Kopf bewegt sich nicht, obwohl er sich mit jedem Wort immer mehr aufregt.

Malik sagt dann noch verblüfft: „Im Islam heißt das genauso Hölle, wo Gott die Bösen bestraft. Das muss dort arg wehtun.“

Malik fragt dann noch beiläufig, was eine Bescherung ist. Das Wort kennt er nicht. Sofia erklärt ihm, die Geschenke liegen unter dem Christbaum. Dann werden sie verteilt. Diesen Moment nennt man Bescherung.

Dann findet sie es an der Zeit, in der WeGee wieder einmal die Bestimmerin zu sein. „Wer jetzt noch bleibt, muss mir in der Küche beim Aufräumen helfen.“ Kaum spricht sie das aus, sind die drei aus der Küche verschwunden. Sofia steht allein mit dem Putztuch da.

Szene 5

Annas Schwester Ines kommt mit einer genialen Lösung

Anna bekommt kurz vor Weihnachten einen Anruf von ihrer Schwester. „Du Anna, ich hab‘ mir was überlegt“, beginnt Ines das Gespräch. Sie gibt ihrer hippeligen Schwester Zeit, sich aufs Smartphone zu konzentrieren. Dann fährt sie fort: „Also, du weißt doch, was ZOOM ist?“ Anna antwortet: „Klar weiß ich das. Jede Woche mache ich mit ZOOM bei einer Lese-Stunde in Einfacher Sprache mit.“

Ines ist zufrieden. „Gut. Dann weißt du ja, was man mit ZOOM alles machen kann.“ Anna nickt, obwohl das ihre Schwester nicht sehen kann. Sie bekommt eine WhatsApp. Ines schickt ihr eine Einladung für ZOOM. Anna klickt auf den Link. Nach einer Weile sieht sie ihre Schwester auf dem kleinen Bildschirm. Jetzt können sie sich sehen und weitersprechen.

„Ich habe mir gedacht, wir könnten doch alle über ZOOM Heiligabend feiern. Mit alle meine ich auch die Familien deiner WeGee-Mitbewohner.“ Ines lässt ihren Plan auf Anna wirken. Die weiß nicht, was sie erwidern soll. Zusammen Weihnachten feiern über das Internet? Ob das geht?

Ihre Schwester sieht, dass Anna Zweifel hat und berichtet weiter: „Ich kenne die Adressen von den Familien deiner Mitbewohner. Ich habe mich bei denen gemeldet und meinen Plan erzählt.“

Anna fällt ihr ins Wort: „Machen die mit?“

Ines zögert: „Das war nicht ganz einfach. Manche wussten nicht, was eine Video-Konferenz ist. Aber ich habe es ihnen erklärt. Alles Wichtige habe ich auf einen Zettel geschrieben. Ich bin überzeugt, dass es klappt. Ich schicke allen rechtzeitig eine Mail mit einer Einladung und dem Link. Glaub‘ mir, das wird absolut super.“

Ines ist von ihrer Idee begeistert. Und von sich selbst auch.

Anna lässt sich von der Begeisterung anstecken. „So machen wir das. Wir ziehen uns alle schick an und machen was Gutes zum Essen. Mach’s gut.“ Anna beendet das Gespräch mit ihrer Schwester in einer einer Sekunde. Sie ist jetzt aufgeregt und muss den Plan ihren Mitbewohnern erzählen.

Szene 6

Anna und ihre Mitbewohner bereiten sich auf ein ungewöhnliches Fest vor

Anna muss sich selbst bremsen. Sonst fallen ihr die Worte zu schnell aus dem Mund. Und keiner versteht sie. Es dauert eine Stunde, bis alle in ihrer WeGee den ZOOM-Heiligabend verstanden haben. Aber alle sind sehr einverstanden. Den Rest des Abends verbringen sie damit, mit ihren Familien zu telefonieren.

Sogar die 40-jährige Sofia freut sich wie ein Kind. Sie hört begeistert von ihren Eltern, dass sie die Idee richtig gut finden.

Malik ruft noch am späten Abend laut durch die WeGee: „Meine Eltern sind ganz neugierig. Mein Onkel Mehmet und meine Tante Defne sind auch dabei. Meine Cousine Zeynep und mein Cousin Eymen wollen auch eine ZOOM-Einladung. Sie überlegen sich, wen sie aus unserer Familien noch einladen können.“ Der schüchterne Malik. So begeistert haben ihn seine Mitbewohner noch nie erlebt.

Szene 7

Anna und alle anderen erleben ihr großes Weihnachtsfest

Dann ist es soweit. Es ist der 24. Dezember. Alle haben sich feingemacht. Anna hat sich von ihrer Schwester eine weiße Bluse geliehen.

Felix der Brummbär hat sich sogar rasiert. Oben trägt er ein dunkles Sakko. Untenherum hat er aber die ausgeleierte Jogginghose anbehalten.

Malik hat was Türkisches an. Eine traditionelle Jacke. Sehr schick. Er kann sie aber nur an festlichen Tagen tragen, wie es heute einer ist.

Sofia hat sich für ein langes Kleid entschieden. Richtig elegant. „Ich wollte immer mal auf ein schönes Tanzfest. Aber es hat sich leider nie ergeben“, sagt sie leicht traurig.

Doch für Traurigkeit hat sie an diesem Abend keine Zeit. Sie ist ja für alles verantwortlich. So wie für die Dekoration und das festliche Abendessen und die Hungrigen in der Küche.

Der Esstisch ist schön weihnachtlich geschmückt. Alle sitzen um den Laptop herum. Der Computer ist an diesem besonderen Weihnachtsfest so was wie der Christbaum. Der Mittelpunkt der Feier. Alle starren ihn an.

Bei einem Heiligabend klingelt das Christkind, wenn es mit der Bescherung soweit ist. In diesem Fall bimmelt das Laptop, als die Mail von Ines ankommt. Pling! Es ist der Link zum großen Weihnachtsfest. Dann geht es los. Aus dem Bluetooth-Lautsprecher auf dem Küchentisch kommt Weihnachtsmusik. Felix hat sie ausgesucht. Sofia musste ihn davon abhalten, Lieder von Rammstein in die Playlist aufzunehmen. „Keine Brummbär-Musik“, warnt sie.

Dann sehen sich alle auf den vielen Bildschirmen. Jeder winkt. „Eins, zwei, drei, vier… Oh, ganz viele Videofenster“, stellt Felix fest. Dem ist es peinlich, mit den Fingern zu zählen. Sogar Oma Heidi und Opa Hans von Anna sind online. Im Altenheim haben sie das möglich gemacht.

Alle winken. Manche haben sich gut sichtbar vor die kleine Kamera gesetzt. Manche weniger. Von Felix Papa sehen alle nur die Stirn. Keiner weiß so recht, wer zuerst etwas sagen soll. Da es Ines Plan war, übernimmt sie die Rolle der Moderatorin.

Sie sagt leicht aufgeregt: „Hallo zusammen. Schön, dass es geklappt hat. Ich habe eine kurze Weihnachtsgeschichte mitgebracht. Maliks Mama liest eine kleine türkische Geschichte vor. Natürlich auf Deutsch nicht auf Türkisch“, lacht Ines. Und so wird es gemacht. Nach den Geschichten soll jeder erzählen, was er sich fürs nächste Jahr wünscht. Sofias Papa Manfred wünscht sich, dass er im Lotto-Spiel gewinnt. Aber er ist ja kein Prophet.

Es gibt keine Geschenke zum Auspacken. So ist das mit allen ausgemacht. Niemand vermisst das Auspacken der Geschenke. Jeder wünscht sich logischerweise, dass Corona für immer verschwindet. Dass alle gesund bleiben. Gesundheit kann man sich nicht bei Amazon bestellen. Jeder erzählt etwas. Auch der schüchterne Malik. Jeder hört jedem aufmerksam zu.

Es wird viel gelacht. Die Playlist von Felix ist zu Ende. Jetzt sind Maliks Cousine Zeynep und sein Cousin Eymen dran. Die Stille Nacht, heilige Nacht steht nicht auf ihrer Playlist mit türkischer Musik.

Szene acht

Anna bekommt einen späten Gast zum Fest

Es ist spät geworden. Anna ist müde. Auch gab es Alkohol zu trinken. Sofia hat zwar den Kopf geschüttelt. Sie findet Alkohol nicht gut. Felix hat sie niedergebrummt. Er hat Sekt für alle besorgt.

„Hey, guck mal. Da will noch jemand eintreten.“ Anna zeigt auf den Bildschirm. „Dann lass ihn doch rein“, sagt ihre Schwester. Anna klickt auf den Link Einlassen.

Ein neues Videofenster geht auf. Es ist kaum etwas zu sehen. Es gibt kaum Licht. Das Bild ist verschwommen. Der Kopf vor der Kamera ist kaum zu erkennen.

„Ihr feiert ja schön“, sagt eine Stimme. Anna versteht nicht, ob es eine männliche oder weibliche Stimme ist. Sie fragt: „Wer sind Sie?“ Anna kann ein breites Grinsen erkennen. „Na, ich bin das Christkind. Sieht man das nicht?“ Die Stimme lacht fröhlich. „Ein Christkind habe ich mir anders vorgestellt…“ Anna ist verunsichert. „Wie denn?“, fragt die Stimme, die das Christkind sein will. „Halt viel kleiner“, sagt Anna verzagt.

Nun erkennt sie Augen, die sie liebevoll anschauen. „Weißt du, Anna, ich weiß selber nicht, wie ich aussehen soll“, erklärt die Stimme und fährt fort: „Die einen wollen mich als Christuskind sehen, die anderen als Jesus oder als einen Propheten. Manche sehen in mir Gott oder irgendeine Heiligkeit. Mich sieht man nicht so leicht. Deswegen glauben viele Menschen, mich gibt es gar nicht. Ich hätte viel zu tun, wollte ich es jedem recht machen. Ich bin, der ich bin.“

Anna muss jetzt viel nachdenken. „Dann feiert mal schön weiter.“ Und zack ist die Stimme wieder vom Bildschirm verschwunden.

Szene 9

Anna ist mit dem Verlauf des Weihnachtsfests sehr zufrieden

Anna wacht auf. War wohl alles nur ein Traum mit der Stimme, die das Christkind war. Das Weihnachtsfest hat sie glücklich gemacht. Sie ist sehr zufrieden, dass ihre Mitbewohner nebenan sind.

Mehr zu meinen Lese-Stunden in Einfacher Sprache finden Sie hier.

Veröffentlicht in Akquise und Lobbyarbeit Blog Textbeispiele

Kommentaren

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.