Zum Inhalt springen →

Uni-Studie zeigt: Einfache Sprache verbessert Corona-Kommunikation

Lesedauer 3 Minuten

Ich habe im Mai 2020 in einem Blog festgestellt, dass Erläuterungen der Landesregierung Baden-Württemberg zu den Corona-Regeln unnötig schwer zu verstehen sind. Inzwischen arbeite ich im DIN-Verein an einer Umsetzung der geplanten ISO 24495 Plain Language mit sowie an einer deutschen Norm-Empfehlung für die Einfache Sprache (DIN 33429). Aus meiner Sicht verliefe in Deutschland die offizielle Kommunikation zu Corona sehr viel besser, wäre die Anwendung der ISO bzw. DIN für die Politik und die öffentliche Verwaltung eine Verpflichtung. Überlange Sätze, verworrener Satzbau, Wortungetüme und nicht erklärte Fachbegriffe wären nach der Norm schlicht ein Verstoß.

Das vermittele ich in meinen Workshops zur Einfachen Sprache (Plain Language), die es selbstverständlich auch online gibt.

Fast 1400 Pressemitteilung auf Verständlichkeit geprüft

Eine am 16. Februar 2021 veröffentlichte Studie der Universität Hohenheim Stuttgart bestätigt diese Ansicht, dass Einfache Sprache zielführender ist als Verwaltungsdeutsch. Die Kommunikationswissenschaftler des Instituts von Professor Frank Brettschneider haben alle 1362 Pressemitteilungen der Bundesregierung analysiert, die im Zeitraum März 2020 bis Januar 2021 mit Corona-Bezug erschienen sind.

„In Krisenzeiten suchen Menschen Informationen und Orientierung. Regierungen sollten beides liefern.“

Professor Frank Brettschneider

Der Kommunikationswissenschaftler Brettschneider sagte dazu: „In Krisenzeiten suchen Menschen Informationen und Orientierung. Regierungen sollten beides liefern. Und zwar in einer auch für Laien verständlichen Form. Informationen zur Corona-Pandemie und zu den staatlichen Schutzmaßnahmen sollten besonders verständlich sein. Sie sind es aber nicht.“

Siehe auch:
Leichte Sprache: kurzer Satz, langer Text – das passt nicht zusammen – (leichtgesagt.eu);
Corona-Virus verständlich erklären – einmal Leichte Sprache reicht nicht (leichtgesagt.eu)

Wie die Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim arbeite ich mit dem Analyse-Programm TextLab. Es war zentraler Bestandteil meiner Überarbeitung der Texte für die Dauerausstellung im Turmforum Stuttgart 21. Professor Brettschneider hat dazu ein Gutachten abgegeben und darin meine Texte als „besonders verständlich“ zertifiziert.

Mit Hilfe von TextLab fahndete der Wissenschaftler mit seinem Team in den Pressemitteilungen der Bundesregierung unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen und zusammengesetzten Wörtern. Anhand solcher Merkmale bilden sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“ (HIX). Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich).

Weit entfernt von Einfacher Sprache: „Bundesregierung kommuniziert relativ unverständlich über Corona“

Die Pressemitteilungen der Bundesregierung sind im Schnitt relativ unverständlich (HIX= 7,4). Es wird den Lesern schwer gemacht, die Informationen aufzunehmen. „Die Verständlichkeit sollte deutlich größer sein. Anzustreben ist ein Wert von 14“, sagt Prof. Dr. Brettschneider.

Bei den Pressemitteilungen der Ministerien schneidet das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur am besten ab (HIX= 9,7). Den letzten Platz belegt das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (HIX= 4,9).

Thematisch sind die Pressemitteilungen zum Themenbereich „Soziales und Alltag“ am unverständlichsten (HIX= 7,0). Formal am verständlichsten sind die Pressemitteilungen des Bundes zum Themenbereich „Kitas, Schule und Uni“ (HIX= 8,4).

Die Verständlichkeit der Pressemitteilungen ist seit März 2020 nicht besser geworden. Sie schwankt auf Monatsbasis zwischen 6,9 und 8,4.

Wissenschaftler stellen zahlreiche Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln fest

Die häufigsten Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln sind: Fremdwörter und Fachwörter, die nicht erklärt werden, zusammengesetzte Wörter sowie lange „Monster- und Bandwurmsätze“.

„Schachtelsätze mit 40 bis 50 Wörtern sind keine Seltenheit“, sagt Kerstin Keller von der Universität Hohenheim. „Dabei gilt: Ein Gedanke, ein Satz“. Oft fänden sich aber vier oder fünf Gedanken in einem Satz, was die Aufnahme der Informationen erschwere.

Neben den langen Sätzen stellen zahlreiche Fremd- und Fachwörter vor allem für Leser ohne Vorwissen eine große Verständlichkeitshürde dar: „Corona Matching Fazilität“, „Corona-Hackathon“, „Point-of-Care-Antigentest“, „Coronavirus Digital Content Hub“, „Letalität“, „Stratifikation“, „Containment Scouts“, „‘coparion‘ Liquiditätshilfen“, „Provenienzforschung“.

Das soll jeder verstehen: Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz

Einen ähnlichen Effekt haben Wortzusammensetzungen. Einfache Begriffe würden so zu Wortungetümen: „WissZeitVG-Befristungsdauer-Verlängerungs-Verordnung“, „Gesundheitsversorgungsweiterentwicklungsgesetz“, „Vereinfachter-Zugang Verlängerungsverordnung“, „COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz“, „Luftverkehrsteuer Absenkungsverordnung“, „First-In-First-Out-Abverkaufs-Prinzip“, „lebensmittelkennzeichnungsrechtlich“.

Und auch nicht alle Corona-Wortschöpfungen seien selbsterklärend: „CoronaCare“, „Covid-19 Evidenz-Ökosystem“, „Corona-Toolbox“, „Corona-Digitalisierungsschub“, „Corona Audio Campaign“.

Der „Fluch des Wissens“ führt zur Fehleinschätzung

„Unverständlichkeit hat viele Gründe. Zeitdruck, Gewöhnung an abstraktes Verwaltungsdeutsch, vor allem aber das eigene Fachwissen von Experten.“

Professor Brettschneider

Diesen sei meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ihren Fachjargon nicht verstehe. „Wir nennen das den ‚Fluch des Wissens’“, so der Kommunikationswissenschaftler. Es gebe aber auch Pressemitteilungen, in denen Fachbegriffe beim ersten Auftreten erläutert werden.

Weiter zur Studie

Veröffentlicht in Behördensprache Blog

Kommentaren

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.