BITV 2.0 – Barrierefreiheit geht anders

„Die gesetzliche Verpflichtung hat bei vielen Auftraggebern erst dazu geführt, sich mit der Inklusion und damit mit der Leichten Sprache zu beschäftigen und sie ernst zu nehmen“, schreibt mir ein Kollege.

Mit der gesetzlichen Verpflichtung gemeint ist die BITV 2.0 (Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung).

Auszug BITV 2.0

Paragraf 3 bestimmt:

(2) Auf der Startseite des Internet- oder Intranetangebotes (§ 1 Nummer 1 und 2) eines Trägers öffentlicher Gewalt im Sinne des § 1 Absatz 2 Satz 1 des Behindertengleichstellungsgesetzes sind gemäß Anlage 2 folgende Erläuterungen in Deutscher Gebärdensprache und in Leichter Sprache bereitzustellen:

  1. Informationen zum Inhalt,
  2. Hinweise zur Navigation sowie
  3. Hinweise auf weitere in diesem Auftritt vorhandene Informationen in Deutscher Gebärdensprache oder in Leichter Sprache.

Meine Antwort zum Thema BITV 2.0

Hallo Herr ,
danke, dass Sie nochmals auf meine Anmerkungen reagieren. Selbstverständlich ist eine BITV 2.0 besser als nichts. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass die Vorschrift gerne genutzt wird, um die Leichte/Einfache Sprache von den übrigen Internetseiten fernzuhalten. Ich habe öffentlichen Verwaltungen den Vorschlag gemacht, Seiten mit speziellen Inhalten für die Zielgruppe in Leichter Sprache zu erstellen und zu pflegen. Das wurde mit Verweis auf die existierende Erklärseite in Leichter Sprache (Link oben rechts) nach BITV 2.0 auf der eigenen Webseite als unnötig abgelehnt. Die Pflicht sei schließlich erfüllt.

Das ist ungefähr so, als könnten sich Blinde die Erklärseite nach BITV 2.0 zwar vorlesen lassen, den Rest des Internetauftritts hingegen nicht.

Wohlgemerkt, ich habe nicht dafür plädiert, den gesamten Internetauftritt (beispielsweise des Sozialministeriums) in Einfache Sprache zu bringen, sondern lediglich die Seiten mit relevanten Inhalten für die Zielgruppe. Inhalte könnten in Leichter Sprache nicht rechtssicher transportiert werden, lautete die Begründung für die Ablehnung des Projektvorschlags. Inhalte in zwei Versionen zu pflegen (Normal- und Leichte Sprache), das sei wiederum auf die Dauer zu teuer und sehe auch irgendwie noch blöd aus (meine Verhandlungspartner waren/sind wahlweise Geisteswissenschaftler oder Juristen).

Weiterhin auf Assistenz angewiesen

Während Blinde sich alle Seiten vorlesen lassen können, sind Lernbehinderte trotz der Erklärseite in Leichter Sprache auf Assistenz angewiesen, die ihnen die Internetinhalte übersetzt – so gut das aus dem Bürokratendeutsch eben geht. Für mich ist das keine Barrierefreiheit.

Aus meiner Einschätzung schwingt zugegebenermaßen etwas Frust mit. NRW (wie auch insgesamt Norddeutschland und Berlin) sind im Umgang mit der Leichten Sprache sehr viel weiter als mein unmittelbares Akquiseumfeld Baden-Württemberg. Während der langjährigen CDU-Landesregierung ließ man Behinderte lieber betreuen als sie selbständig werden lassen. Die Nachfolgesozialminister sehen seit 2011 die Förderung der Leichten Sprache nicht als ihr vordringlichstes Problem an.

Vielleicht können Sie, Herr Rinke, bei uns im Süden Überzeugungs- und Entwicklungsarbeit leisten. Von mir sind Sie hochwillkommen.

Herzliche Grüße
Uwe Roth