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Flyer der Stadtbibliothek in Leichter Sprache – ein schlechtes Beispiel

Beitrag von Uwe Roth in der Xing-Gruppe Leichte Sprache am 26.10.2018

Liebe Gruppenmitglieder,
ich habe bereits über meine Probleme mit Übersetzungen in Leichter Sprache und Bestätigungen über Gegenleser geschrieben. Jüngstes Beispiel ist eine Broschüre „meiner“ Stadtbücherei, die soeben ins Netz gestellt wurde. Ich hatte mich fürs Schreiben beworben und ging leer aus, weil ich auf die Einfache Sprache als ein Text für alle bestanden habe und zudem kein lizenziertes Logo für die Leichte Sprache bieten konnte.

Das Ergebnis ist nun eine typische Eins-zu-Eins-Übersetzung aus einer bestehenden Vorlage in schwerer Sprache. Sie beginnt mit:

„Die Stadt-Bibliothek Ludwigsburg besteht aus mehreren Bibliotheken. Die größte Bibliothek ist in Ludwigsburg. Im Kultur-Zentrum. Dort gibt es die meisten Bücher. Und die meisten Filme und CDs. Es gibt noch 2 kleinere Bibliotheken. Man nennt sie Zweigstellen. Die Zweigstellen sind in Schlösslesfeld. Und im Stadt-Teil West.“

Stadtbibliothek Ludwigsburg

Die komplette Broschüre

Jemand mit wenig Deutschkenntnissen ist das ein Rausschmeißer. Warum soll er nach dieser banalen Info weiterlesen? Aus meiner Sicht brauchen Schlecht-Leser einen Einstiegssatz, der ihnen unmittelbar einen Nutzen vermittelt. Nur so hält man die Motivation aufrecht.

Verbesserungsvorschlag:

Die Stadt-Bibliothek verleiht Bücher. Man muss die Bücher nicht kaufen. Leihen kostet kein Geld. Aber man muss die Bücher nach dem Lesen wieder zurückgeben. Es gibt auch Filme und Musik.

Uwe Roth

Wenn ich als Journalist einen Artikel über einen Unfall schreibe, beginne ich nicht damit zu erklären, wie die Polizei aufgebaut ist, bevor ich den Unfall schildere.

Gegenleser kontrollieren Satz für Satz

Die Broschüre wurde von einem Gegenleser der AWO Berlin kontrolliert. Dafür gab’s das Logo. Gegenleser kontrollieren Satz für Satz. Wenn sie einen Satz verstanden haben, gehen sie zum nächsten Satz. Bis sie am Ende sind. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie den Text verstanden haben.

Satz verstehen und Text verstehen, ist nicht das gleiche. Außerdem: Ich gehe davon aus, dass die Broschüre der Bibliothek überwiegend von Deutsch lernenden Flüchtlingen und anderen Menschen mit Migrationshintergrund gelesen wird.

Mehr Flüchtlinge unter den Büchereibesuchern als Menschen mit geistiger Behinderung

Menschen mit Lernschwierigkeiten werden selten darunter sein. Soll man beispielsweise einem Syrer, der vielleicht eine höhere Schulbildung genossen hat, erklären, dass der Text von einem Menschen mit geistiger Behinderung gegengelesen wurde? Damit sei alles in Ordnung…

Wie seht ihr das? Wie beurteilt ihr den Broschüren-Text, der im Übrigen auch sehr lang geraten ist?

Veröffentlicht in Akquise und Lobbyarbeit Behördensprache Blog Fachtexte zur Einfachen Sprache

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