Einfache Sprache zwischen Wissenschaft und Journalismus

Auf meinen Beitrag zum Thema Leichte Sprache und Bundesteilhabegesetz, den ich auch in meinem Xing-Profil veröffentlichte, bekam ich einen Kommentar. Darin heißt es:
Es wäre fatal, wenn der Gesetzgeber Leichte Sprache definiert und festschreibt, bevor die Regeln wissenschaftlich überprüft und fundiert sind.
Hier meine Erwiderung:
Hallo Herr,
herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung und dafür, dass Sie sich die Mühe einer Kommentierung gemacht haben. Es ist nun so, dass ich die Leichte/Einfache Sprache aus der Position des Journalisten betrachte – kombiniert mit den Reaktionen der Zielgruppe auf meine Texte.
Ich bin der Auffassung, dass es für Leichte Sprache keine wissenschaftliche Bestätigung geben kann. Für Journalisten gibt es auch kein wissenschaftlich bestätigtes Regelwerk. Journalisten haben grundsätzlich den Auftrag, für jede Zielgruppe schreiben zu können. Sie schreiben für Kinder, warum nicht auch Themen für Menschen mit Lernschwierigkeiten? Dass sich viele Journalistinnen und Journalisten an der Verwaltungssprache und nicht am Leser orientieren, ist bedauerlich, ist aber ein anderes Thema.
Meine Texte entsprechen den Regeln der deutschen Grammatik und Rechtschreibung sowie meinem (journalistischen) Anspruch, dass die Inhalte verstanden und gerne gelesen werden.
Ich habe viele Texte gelesen, die aus einer Vorlage in schwerer Sprache in die leichte Sprache übersetzt wurden. Alle Regeln formal eingehalten. Aber was am Ende herauskam, war nur noch langweilig und inhaltsleer. Ellenlange Aufzählungen, die mit immer gleichen Worten beginnen, sind zum Beispiel echte Rausschmeißer – für Normalleser und logischerweise auch für Menschen mit schlechter Lesekompetenz.
Als Journalist weiß ich, dass man Leser durch die Art des Schreibens gewinnen muss. Warum soll dieser Anspruch nicht auch für Menschen mit Lernschwierigkeiten gelten?
Und ich frage mich, was eine Vorschrift erreichen soll, die einen öffentlichen Internetportalbetreiber lediglich dazu verpflichtet, auf einer über einen rechts oben versteckten Link zu erreichenden Seite in Leichter Sprache zu erklären, was auf den übrigen Internetseiten alles in schwerer Sprache zu finden ist? Die Erklär-Seite in Leichter Sprache ist eine statische Seite, die in der Regel jahrelange vor sich hingammelt. Ist damit der Anspruch, Schlechtleser in die Kommunikation einzubinden, bereits erfüllt? Schauen Sie auf der Leichte-Sprache-Seite der Bundesregierung nach. Einige Informationen sind hoffnungslos veraltet. Bedeutet das eine Informationsvorschrift erfüllen?
Leichte Sprache okay, Inhalt veraltet? Die Überbetonung der Formalien bei der Leichten Sprache scheint oftmals dazu zu dienen, von der eigentlichen Informationspflicht abzulenken.
Zu den Gegenlesern: Auch bei Texten in Einfacher Sprache bekomme ich immer gute Rückmeldungen. Wahrscheinlich würden die meisten Gegenleser bei Texten in Einfacher Sprache Verständnis signalisieren, sofern wirklich konsequent komplizierte Begriffe, ein wirrer Satzbau und vor allem Redundanzen vermieden werden.
Ich habe das Gefühl, am Ende geht es nur darum, das Regelwerk wird eingehalten, Gegenleser haben draufgeschaut, und am Ende wird der Text mit einem zertifizierten Logo abgesegnet. Auftrag erfüllt. Ob die Texte von der Zielgruppe dann wahrgenommen werden, interessiert Niemanden mehr.
Ich nehme als Journalist die Menschen mit Lernschwierigkeiten genauso ernst wie meine Zeitungsleser. Und glauben Sie mir, beim Schreiben ist das sehr schweißtreibend.
Und noch ein letzter Punkt: Zunehmend wird in der Kommunikation mit Migranten, die gerade Deutsch lernen, die Einfache Sprache eingesetzt. Auch für demente Menschen oder Menschen mit einer psychischen Erkrankung wird Einfache Sprache eingesetzt. Ich denke nicht, dass es zielführend ist, wenn beispielsweise die öffentliche Verwaltung drei Sprachformen pflegen soll: die Amtssprache, die Leichte und die Einfache Sprache.
Gerne können wir den Dialog fortsetzen – persönlich oder auch gegebenenfalls in einer Veranstaltung.

Autor: Roth Uwe

Uwe Roth ist Zeitungsjournalist und Texter in Einfacher Sprache. Er schreibt für Menschen, die Probleme mit der deutschen Sprache haben. Uwe Roth hat Sozialwissenschaften studiert, in Brüssel als Korrespondent gearbeitet und war zehn Jahre Redakteur in einem großen Medienhaus in Stuttgart.

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