Bundesteilhabegesetz und verständliche Information

Meine Texte werden gegengelesen. Foto: Uwe Roth

Wer erwartet hat, im neuen Bundesteilhabegesetz findet sich häufig der Begriff Leichte Sprache, sieht sich getäuscht. Die Erwartung war nicht unberechtigt: Die Leichte Sprache ist für Menschen mit Lernschwierigkeiten erwiesenermaßen eine Brücke zu mehr Teilhabe und Selbstbestimmung, wie es Zielsetzung dieses Bundesgesetzes ist.

Nur eine Fundstelle

Tatsächlich kommt der Begriff Leichte Sprache (leicht allerdings klein geschrieben) nur ein einziges Mal in dem über 100 Seiten starken Gesetzestext vor. Und zwar in dem Abschnitt, der die Mitbestimmung des Werkstattrats beschreibt. Dort heißt es sinngemäß, dass die Werkstattleitung eine Art Geschäftsbericht in „leichter Sprache“ vorlegen muss. Leider ist im Gesetz nicht bestimmt, was unter „leichter Sprache“ zu verstehen ist. Es gibt keinen Verweis auf ein Regelwerk. Es ist davon auszugehen, dass die Autoren den Unterschied zwischen beiden Sprachformen nicht kennen, ansonsten wäre ihnen klar gewesen, dass eine Definition zwingend notwendig gewesen wäre. Auch der Rechtssicherheit wegen.

Einfache Sprache hat sehr viel mehr Kapazität für Inhalte als die in einem streng formal gehaltene Leichte Sprache. Wenn ein Werkstattrat mehr über das Geschäftsjahr erfahren möchte, die Werkstattleitung jedoch sagt, die geforderten Informationen seien in Leichter Sprache nicht zu formulieren, ist damit das Auskunftsrecht des Werkstattrats verwirkt?

Meines Erachtens ist die nach den gängigen Regeln verwendete Leichte Sprache ungeeignet, um die notwendigen Inhalte eines „Geschäftsberichts“ zu transportieren. Da wären nur Sätze möglich wie „Die Werkstatt hat Geld bekommen…“ Nach meiner Erfahrung wird die Einfache Sprache von vielen Menschen mit Lernschwierigkeiten gut verstanden, zumal man davon ausgehen kann, dass Werkstatträte nicht die Leseschwächsten sind.

„Barrierefreie Kommunikation“

Schaut man sich den Text genauer an, stellt man fest, dass der Gesetzgeber an vielen Stellen eine verständliche Information im Umgang mit der Zielgruppe erwartet. So sollen Sachverständige barrierefrei in Wort und Schrift kommunizieren können. Auch die Rehabilitationsdienste sollen Zugangs- und Kommunikationsbarrieren abbauen. Fachkräfte sollen „die Fähigkeit zur Kommunikation mit allen Beteiligten haben“. Das schließt neben Blindenschrift und Gebärdensprache logischerweise die Leichte/Einfache Sprache in Wort und Schrift mit ein.

An anderer Stelle heißt es, Fachkräfte „müssen über die Fähigkeit zur Kommunikation mit den Leistungsberechtigten in einer für die Leistungsberechtigten wahrnehmbaren Form verfügen und nach ihrer Persönlichkeit geeignet sein.“ Und bei der Bedarfsermittlung muss die Kommunikation als Teilhabeinstrument im Alltag der Menschen berücksichtigt werden.

Streng betrachtet sind die gesetzlichen Anforderungen nur zu erfüllen, wenn bei der Zielgruppe Menschen mit Lernschwierigkeiten, aber auch mit Hörbehinderung und psychischen Behinderungen die Leichte/Einfache Sprache als generell anzuwendende Kommunikationsform genutzt wird.

Fazit

Die Bedeutung der Leichten/Einfachen Sprache als Beitrag zur besseren Teilhabe und mehr Selbstbestimmung wäre im Bundesteilhabegesetz sehr viel deutlicher geworden, wäre der Gesetzgeber explizit darauf eingegangen. Nun aber sind alle Beteiligten selbst aufgefordert, die Forderung nach einer barrierefreien Information in Wort und Schrift ernst zu nehmen und umzusetzen. Denn indirekt hat der Gesetzgeber das Recht auf verständliche Kommunikation gestärkt. Die große Herausforderung ist die mündliche Kommunikation in Einfacher Sprache. Da muss jeder an sich selbst arbeiten – am besten mit einem Trainer. Im Gegensatz zur Übersetzung eines Textes aus der Normal- in die Leichte/Einfache Sprache kann die mündliche Kommunikation nicht an externe Dienstleister abgegeben werden.

Nach meiner Erfahrung muss der Abbau von Barrieren in der Kommunikation in Werkstätten, Einrichtungen, aber auch bei Behörden zu einer Selbstverpflichtung werden. In Einfacher Sprache zu schreiben, aber auch mündlich zu kommunizieren, unterliegt einem Trainingsprozess. Diese Fähigkeit schüttelt man sich nicht einfach aus dem Ärmel. Ich selbst habe in Schulungen unter anderem mit Arbeitserziehern die Einfache Sprache in mündlicher und schriftlicher Form geübt. Obwohl sie in ihrem Berufsalltag mit Menschen mit Lernschwierigkeiten zu tun haben, ist es ihnen schwergefallen, spontan beispielsweise Verhaltensvorschriften der Werkstatt leicht verständlich zu erläutern.

Autor: Roth Uwe

Uwe Roth ist Zeitungsjournalist und Texter in Einfacher Sprache. Er schreibt für Menschen, die Probleme mit der deutschen Sprache haben. Uwe Roth hat Sozialwissenschaften studiert, in Brüssel als Korrespondent gearbeitet und war zehn Jahre Redakteur in einem großen Medienhaus in Stuttgart.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.